54 A. Geistliche Literatur, b) Das Dogma.
Vor. Hs., das rheinfrk. Gebiet. Der Verfasser war ein Geistlicher. Als Zeitder Abfassung kann der Anfang des 11. Jhs. angenommen werden.
Inhalt. 1 ) Die Überschrift „Summa Theologiae", die Scherer in MSD. dem Gedichte ge-geben hat (Diemer nannte es „Die Schöpfung", D. Ged. S. 91 und sonst), 2 ) umfaßt den In-halt und bezeichnet zugleich die Gattung, zu welcher es in der theologischen Literatur ge-hört: es ist eine kurze Zusammenfassung der Glaubenslehre, ein in Verse gebrachtes Kom-pendium der Theologie.
I. Str. 1 bis Str. 4,6 Die Trinität. Str. 1 Wesen Gottes: er ist der Vater ewig, derUrgrund alles Guten, hat den Teufel gebunden; seine Allmacht lenkt die Dinge von oben,hält sie von unten fest, erfüllt sie innen, umfaßt sie außen; er ist unwandelbar; sein Tunist ohne Aufwand von Mühe. 3 ) Str. 2 Die drei Personen sind eine Einheit, die Seele istein Beispiel für die Dreiheit in der Einheit (Augustinus De civ. Dei XI, 26 ff.), sie ist einsund hat doch in sich drei Wesenheiten: Vernunft, Gedächtnis, Wille (Augustinische Trinitäts-formel: memoria, intelligentia, voluntas); die Dreiheit (5 f.) ist eine immerwährende Ein-heit; in bezug auf unsere Seele sind wir das Ebenbild Gottes (6—10). Str. 3 Wesen Gottes:mit „Macht* und „Güte" vollbringt er alle Wunder (die erste und dritte Person in AbälardsTrinitätsformel). Er ist allmächtiger König und gütiger Vater, diesen Eigenschaften ent-sprechen wir durch Furcht und Liebe. Str. 4, 1—6 Wesen des Sohnes. Gott schuf dieWelt durch die Weisheit (die zweite Person in Abälards Trinitätsformel); 4 ) die Weisheit(sapientia Abälards) ist der Rat (intelligentia Augustins, die Vernunft, s. Buch 2, 4), derSohn also war der meistir unde wercman, der Schöpfer und Vollender der Welt. —
II. Str. 4, 7 bis Str. 12 Schöpfung und Sündenfall. 4, 7—12 Erschaffung der Engel.Str. 5. 6 Luzifers Fall durch den Übermut. Luzifer des Neides Vater (weil er den Menschenbeneidete, der nun an seiner Stelle von Gott bevorzugt wurde). Str. 7 Erschaffung desMenschen zur Ausfüllung der durch den Fall Luzifers und seiner Genossen entstandenenLücke in den Engelchören. Str. 8 Schöpfung der Welt. Str. 9 Schöpfung der Kräfte desMenschen; hier sind es vier Kräfte nach Augustinus De civ. Dei V, 11: vita essentialis unddazu die drei aristotelischen Seelentätigkeiten vita seminalis = anima vegetativa (Pflanzen-seele), vita sensualis = anima sensitiva (Tierseele), vita intellectualis = anima rationalis(Menschenseele). Str. 10 Erschaffung der 5 Sinne aus den 4 Elementen (die Luft doppeltgerechnet, als höhere, superior, und niedere, inferior). Str. 11. 12 Sündenfall, unter demBilde eines Zweikampfes als Gottesgericht, der Mensch unterlag, indem seine Begierlichkeit(concupiscentia) siegte. Teufel — der Gottes Sohn.
III. Str. 12b—17 Die Erlösung durch Christus. Str. 12b Adam— der Jungfrau Sohn.Str. 13 Erlösung des Menschen durch den zweiten Adam vermittelst der List (vgl. auch 14, 6)mit dem Angelhaken und zugleich durch Loskauf. Str. 14—17 Kreuzestod und Kreuzessymbolik.
IV. Str. 18—30 Der heilige Geist. Str. 18. 19 Die Liebe = der heilige Geist: dieGottesliebe, Furcht und Hoffnung (Str. 18); die Nächstenliebe (Str. 19). Str. 20. 21 Der DienstGottes: alle Dinge dienen Gott; die zwei Leben: Gnade—Knechtschaft, Himmel—Hölle(Str. 20); selbst der Teufel dient Gott (Str. 21). Str. 22—27 Die Heilsmittel: die Taufe unddas Blut Christi = das Abendmahl (Str. 22); Grablegung, symbol. = Taufe (Str. 23); Auf-erstehung, Heilsmittel der Taufe und der Buße (Str. 24); Tugendlehre (Str. 25); nochmalsdie Buße (Str. 26); die bösen Werke, das sind die Werke des Leibes; die Seele ist die Braut
ch, eine Besonderheit sind die h in gh: \ 2 ) Siehe Diemer, Wiener SB. 55, 285 ff.
lighatn, ghut, ghewinnen, sh: shol (3mal),shu (3mal). In C ist gg für ng, nach griechi-scher Schreibweise, bemerkenswert. B und Chaben keine vollen Endungsvokale mehr.
') Gliederung bezw. Stellenerklärung:Diemer, D. Ged. Anm. S. 32—43; MSD. II 3 ,202 ff. (Anordnung S. 220 f.); Konr. Hof-mann, Kelle, Kraus, v. d. Leyen aaO.
3 ) Augustinus, Migne 2, 302; Beda, Ex-egesisinPsalm.libr.PS. 103, Migne 93,1005A.
4 ) Für die Summa Theologiae gilt nochdie alte Trinitätsformel Augustins, s. Str. 2, 4;Macht und Güte werden dem Vater, die Weis-heit dem Sohne zugeschrieben, getrennt wiein Honor. Aug. Elucidarium I, 2, Migne 172,1111.