52 A. Geistliche Literatur, b) Das Dogma.
mehrsilbigen gebunden, so daß Hauptton auf Nebenton reimt, z. B. herron :tuon 1, 1 f.; bechotn : gnädon 2,7 f.; [be\chom : wäron 6, 9 f.
Vortragsweise. Ezzos Gesang ist das einzige mhd. Lied, dessen Kom-ponist genannt wird, meist war sonst der Dichter zugleich auch der Schöpferder Melodie. Wille konnte dieser keinen andern musikalischen Charakterverleihen als den in der Zeit herrschenden, das ist die gregorianische Ton-art 1 ) (s. oben S. 11 ff.). Diu wise muß hier recht kunstvoll gewesen sein, daihr Verfasser ausdrücklich mit Namen genannt wird. Der Rhythmus derMelodie wird, da der Versbau ziemlich regelmäßig ist, in annähernd gleich-förmigen Takten sich gehalten haben, der Gesang trug also mehr dieArt eines Hymnus als eines liturgischen Rezitativs. Er war wohl bestimmt,vom Chor gesungen zu werden (Choralgesang), nicht von einem Ein-zelnen. Im Prolog der Eingangsstrophe nennt sich nur ein Vortragender:Nu wil ih iu herron eine wäre rede vor tuon, diese Strophe wurdewohl auch nur von einem gesungen oder etwa im Epistelton rezitiert.Der Vortragende wendet sich hier an sein Publikum, es sind „Herren", dassind die geistlichen Herren des Bamberger Kapitels, für welches das Lieddurch den Bischof Günther bestimmt war. 2 ) Die Vor. Hs. hat eine allgemeineHörerschaft, auch Laien, 3 ) im Auge, denn die Anrede iu herron ist in iweben allen geändert, auch sind die nachträglich eingeschobenen StrophenIII und IV populärer gehalten. 4 ) Das Lied wurde in dieser Fassung (Vor. Hs.)jedenfalls nicht mehr in der ursprünglichen, kunstreichen Melodie Willes ge-sungen, denn in der Vor. Hs. ist der Rhythmus etwas unregelmäßiger ge-worden durch die Einschiebung von Wörtern. Überhaupt ist die ursprüng-liche Komposition Willes gewiß nicht so weit verbreitet gewesen wie derbloße Text Ezzos; meist waren wohl die Notenzeichen in den Handschriftenweggelassen, wie ja die uns erhaltenen Abschriften S und V auch keineNeumen enthalten.
Ezzos Werk ist von der größten Bedeutung in der Entwicklung derdeutschen Literaturgeschichte. Aus dem ganzen Zeitraum seit der erstenHälfte des 10. Jhs. bis auf seine Entstehung, über nahezu anderthalb Jähr-st hunderte hin, ist uns kein Gedicht in deutscher Sprache erhalten. Mit ihmbeginnt für uns zeitlich die frühmhd. Dichtung, aber nicht-nur dieses,sondern sie ist mit ihm auch wirklich begründet worden. Hier ist ein neuesThema in erhabener und vorbildlicher Sprache und in einer neuen Ge-dankenform zur Geltung gebracht worden. Zum erstenmal wird hier die ganze
*) Gottesdienstlicher Gesang in deutscherSprache und der gregorianische Stil: Thal-hofer l 2 , 286.
2 ) v. D. Leyen aaO. S. 39.
3 ) Es werden unterschieden Predigten fürGeistliche u. Predigten für Laien, Ad clericosund ad populum, Lecoy de laMarcheS.206L
4 ) Ueber die geringere Gewandtheit im Stils. oben S. 40. Der ursprüngliche Dichter (S)deutet nur in großen Zügen die Hauptereig-
nisse der Menschheitsgeschichte an, dasübrige ein£in-4^sJHcheji_j^bJikjjrri_als bekannt voraussetzend, der Bearbeiter (V) dagegen verweilt bei den Einzelheiten derSchöpfungsgeschichte, wie ein Volksprediger,der der Laiengemeinde die biblische Ge-schichte erzählt. Auch die Mahnung zurHeilighaltung des Sonntags ist auf das Volkberechnet.