§ 6. Ezzos Gesang. 47
gerecht werdenden Erklärung als ein frommer Betrug, pia fraus, nachwelcher Christus der Köder am Angelhaken ist, an dem der Teufel {der girLeviathan 17. 27) durch List gefangen wurde. 1 ) In symbolischer Auslegungdes Passahlammes ist Christus das Osterlamm (23. 24. 25), das für uns ge-opfert wurde, ohne daß jedoch diese mystische Beziehung erweitert wurdezu der Theorie des Opfer- und Sühnetodes. Insofern in dem Zuge derIsraeliten aus Ägypten nach Palästina die Heimkehr der Gläubigen in dasHimmelreich vorgebildet war, ist Christus der Herzog, der Held, dersein Heer im Kampf gegen den Feind, den Teufel, in die Heimat zurück-führt (26). Diese Auffassung von Christus als Helden und Heerführerist germanischem Geist verwandt und wird auch durch die Bezeichnungherzöge wie auch durch die der Gläubigen als Dienstmannen des Himmels-königs (28) in volkstümlicher Weise ausgedrückt. Ebenfalls ein Anklingenan germanisches Wesen liegt in dem Begriff trlwwe, die Christus als Eigen-schaft beigelegt wird und die er lehrt (2. 16), die aufopferungsvolle undwahrhaftige Hingabe an die durchs Leben Verbundenen, an den Neben-menschen, an die Pflicht.
Die Quelle für, Ezzo war das theologische Wissen seiner Zeit, das ervöllig beherrscht, denn er war Scholasticus an einer der berühmtesten Dom-schulen und wird gepriesen als ein Mann ausgerüstet mit aller Kunst derRede und allem Wissen. Der Boden, auf dem seine Dichtung erwuchs, warlängst völlig vorbereitet. Es ist die kirchliche Tradition seit Augustin in derbesonderen Beschränkung durch Gregor den Großen. 2 ) Kein einziger Ge-danke ist neu bei ihm, er hat sie alle vorgefunden. 3 ) Den Stand der in Deutsch-land von der Mitte des 11. bis zur Mitte des 12. Jhs. herrschenden Theologievertritt vor allen andern kirchlichen Schriftstellern Honorius Augustodunensis.Mit ihm hat denn auch Ezzos Gedicht viele Übereinstimmungen. Wie dieserwendet auch der Bamberger Scholasticus in ausgedehntem Maße die Methodeder allegorischen Schrifterklärung an. Eine reich entfaltete Symbolik umranktdas Wunder des Erlösungswerkes. Der Dichter will reden von dem wistuomalso manechvalt, der an den buochen stet gezalt (1, 5 f.), 4 ) d. i. die Weisheit
!) Harnack, Dogm. 2 2 , 174 f.
2 ) Wilmanns (S. 8.29) hielt die Evangelien-texte von Weihnachten bis Ostern für dieQuelle, im Anschluß an den kirchl. Gottes-dienst dieses Quartals wäre also das Gedichtentstanden. Diese Ansicht ist aber wohlallseitig aufgegeben. Uebereinstimmungenzwischen dem Gedicht und der Perikopen-folge müssen sich notwendig aus der Gleich-heit des Stoffes ergeben. Andrerseits sinddie Abweichungen zwischen dem Lied undden Predigttexten zahlreich, da jenes zumTeil weniger, zum Teil mehr enthält als diebetr. Evangelienstellen. — Nach Kelle istEzzos Gesang einAuszug aus HrabansKreuzes-
Strophen. Aber auch hier ist die Ueberein-stimmung durch die Gleichheit des Stoffesbegründet. Die Folge der Gedanken beweist,daß Ezzo nicht das Kreuzeslob des Hrabanus.zur Grundlage hatte, denn er müßte sich dieunsäglicheMühegenommen haben, dieStellen,die in der unübersichtlichen Masse von Hra-banus' Gedicht zerstreut sind, einzeln heraus-zulesen, um sie erst zu einem planvoll zu-sammenhängenden Ganzen zu verarbeiten,da Hrabanus sein Werk nicht historisch an-ordnete, sondern in freier Allegorie in 28Kapiteln nach 28 Figuren des Kreuzes. Vgl.V. D. Leyen S. 12 ff.3 ) MSD. II 3 , 187 f.
werk (Wiener SB. aaO.; LG. 2, 8—11. 241), I 4 ) In der Quellenangabe üzer genesi undemit Ausnahme von 5 für unecht erklärten | üzer libro regum 1,7 vertritt Genesis den