38
A. Geistliche Literatur, a) Das hohe Lied.
die Welt und der Bräutigam vergißt der Braut nicht in diesem Elend 143,31 — 145,5. Das ist die tristitia coelestis. Mit dieser Seligkeit der Tränenist zum erstenmal in deutscher Sprache die empfindsame Stimmung durch-gebrochen, und die solche Empfindung hat, ist die schöne Seele. Schönist die Braut, die wahre Treue, ein wahres Herz und ein ruhiges Gemüt hat.Friedsam ist sie und trägt in sich den König des Friedens, so wird Gottgeeinbart mit seiner Gemahelen; da ist die Seele schön und ihre Zierdeist Güte und Sanftmut 93, 14—94, 10. Das ist das frühste Bild der schönenSeele im Deutschen; harmonisch ist sie in sich und gütig gegen die Menschen. x )
In der ganzen Auffassung der ethischen Forderungen wird ein Wert-unterschied geltend gemacht zwischen der weltlichen und der geistlichenSittlichkeit. Gleich von vorneherein wird der Standpunkt festgestellt: Wirgeistlichen mennisken sprechen mit rehte von deme geiste 1, 3 f. Die Christen-heit zerfällt in weltliche und geistliche Menschen 101, 14—102,3. Der Glaubeder Geistlichen muß größer sein als der der Weltlichen, Gott mutet ihnenmehr zu 139,6—13, sie besitzen also die höhere Vollkommenheit. Aberdoch ist die Lehre, die hier den Klosterleuten vorgetragen wird, ein Strebe-ziel für alle Menschen (57, 22 f.). .
Die Grundbedingung für das tugendhafte Leben ist die unterschidunge,die Fähigkeit, Gutes und Böses zu unterscheiden. Sie ist die muoter allertagende 71,2— -7, vgl. 16, 22 f.») 57, 32 f. 116,5—12; danach müssen auchdie Oberen {maisterschaft) die Behandlung der Mönche einrichten 104,12—16.Zu jeglichem Tugendhaftsein gehört der gute Wille von Seiten des Menschen12,18—28. 13,22-14,2. 42,10. 53,11. 57,29. 59,5. 9 f. 72, 19. 84,19 f.124, 6—12. 147, 30; aber wie alles Gute, kommt auch der Wille von GottesGnade 96, 17 f. u. ö. Gott lehrt die Tugend 108, 33—109, 2, er führt unsaus der Schlechtigkeit zur Tugend 18, 16 f.; Maria lehrt die drei göttlichenund damit verbundene Tugenden 16,18—27.
In der Mystik des HL.s führt die völlige Hingabe der Seele, die Er-höhung des inneren Lebens, die Steigerung der sittlichen Persönlichkeit zuGott, in der Liebe wird die Erkenntnis Gottes erfüllt. Die Urempfindungund der Urgedanke ist die Liebe: „Das Buch fing an mit einem Kusse derFreundschaft und nun scheiden sie sich mit einer vollkommenen Liebe,denn es ist eine Lehre der Liebeserkenntnis Gottes" 145, 10—13. Dersymbolische Ausdruck dafür ist die,Brautschaft Gottes mit der Seele. Da-gegen findet sich das Bild von der Vermählung Gottes mit derKirche, das allegorische Motiv Willirams, nur selten. Doch aber be-
') Ein weltliches Abbild der geistigen„schönen Seele", der mystischen edelen sele,ist daz edele herze bei Gotfrid v. Straßburg:s.Vogt, edel S. 10 ff. 31 ff.
*)silerte sides vesten gedingen unde under-schidunge unde unruomeltchiu werch, gehör-same [unde] st&tigiu werch. unruomelich,
das sonst nicht belegt ist, würde unprahle-risch, also soviel wie demütig bedeuten. Ver-mutlich ist der willige, nicht murrende Ge-horsam darunter zu verstehen, vgl. 50, 19 f,59, 29 f. und Bened.-Reg. Kap. V De oboe-dientia.