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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 5. Das St. Trudperter HL.

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schränkt sich das geistige Leben nicht auf die persönliche Frömmigkeit,sondern es wird auch stark die Bedeutung der kirchlichen Gemeinschaft fürdie Befestigung des Glaubens hervorgehoben, besonders in ihren Gliedern,wie bei W., den Patriarchen, Propheten, Evangelisten, Boten, Heiligen,Märtyrern, Lehrern 16, 32 f. 17, 7 f. 39, 3 f. 42, 18-44, 14. 47, 1549, 5.53, 24. 73, 19 f. 80, 29-83, 28. 102, 12 f. 103,14 f. 140, 2629; auch hiersind einander gegenübergestellt Meister und Untertanen, Hörer und Lehrer48,8. 28 f. 55,8-17. 62,13. 143,6.

In diesem Werke ist es doch in der Hauptsache auf starke Gemüts-wirkung abgesehen. Dazu stehen dem Verfasser auch die sprachlichen 1 )Mittel zu Gebote. Er hat eine umfassende Beredsamkeit, bis zum höchstenlyrischen Schwung erheben sich die hymnischen Lobpreisungen, glühendeLiebesworte beseligen diesen heiligen Minnesang, mit rhetorischer Kunstfesselt der Dichter das Interesse der Hörer, er tritt zu ihnen in persönlichenVerkehr, häufig gebraucht er predigtartige Formeln, Fragen, Aufforderungen.Der Stil ist nach dem Inhalt verschieden, einfacher in den didaktischen unddozierenden Teilen, gehoben in den lyrischen und steigert sich dann zu-weilen zu dramatischer Lebendigkeit. Eine strenge Gliederung und bestimmteAnordnung des Stoffes ist in den Kommentaren des HL.s ausgeschlossen,im St. Trudp. HL. gruppieren sich aber doch die Gedanken nach zweiGrundmotiven: Kap. I (1, 127, 4), II (27,5-37, 28), III (37, 2946, 15)behandeln mehr die himmlische Ehe, Maria und die Gemahlschaft der Seele,Kap. IV (46, 1663, 26), V (63, 2791, 9), VI (91, 10-106,4), VII (106,5126, 28), VIII (126,29 bis gegen den Schluß) mehr die Tugenden desgeistlichen Lebens; gegen das Ende treten Maria und der heilige Geist inden Vordergrund.

Ein neuer Geist ist mit dem St. Trudp. HL. in der deutschen Literatureingekehrt, aus der Tiefe der Seele heraus dringt ein sehnsüchtiges Verlangennach einer nur geahnten unaussprechlichen Schönheit. Nur mit dem 'Ge-fühl kann sie erfaßt, nur unter dem süßesten Bilde innigster Seelengemein-schaft kann sie vorgestellt werden. Es ist der Geist der Mystik, derdurch den heiligen Bernhard erreicht wurde, und am nächsten verwandtin der Literatur der Zeit ist unser Werk wohl seiner Ermahnung an diegeistliche Schwester, De modo bene vivendi ad Sororem. Beide verfolgendie Zwecke praktischer Mystik, wenngleich, besonders in dem deutschenWerk, auch dogmatische Spekulation mit einbezogen ist. Aber die Empfin-dungen in dem deutschen Werke sind weicher, schmelzender, sinnlicher.Der große Lehrer des zwölften Jahrhunderts, der doctor mellifluus, war zurhöchsten Stufe menschlicher Gotteserkenntnis gelangt, der deutsche Mönchwar nur auf dem Wege dahin. Ihm blieb allein das Sehnen.

') Bech S. 365370; V. Müller S. 83 -87;Arn. Pieritz, Die Stellung des Verbums im

König Rother mit Berücksichtigung des St.Trudp. HL.s, Greifsw. Diss. 1912.