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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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34 A. Geistliche Literatur, a) Das hohe Lied.

sie mit der Idee des Übersinnlichen vereint. Die drei Personen der Trinitätwerden im Gefühl der Liebe erfaßt, in der Hoffnung auf den Bräutigamerfüllt sich das irdische Sehnen. Im Speziellen ist Gott der Schöpfer, derdie Welt aus Güte erschaffen hat 8, 10 ff. Christus ist wahrer Gott undwahrer Mensch 16, 1 f. 21, 1517. 28, 29f.; von den drei Personen trägter allein menschliche Gestalt, in der mystischen Vorstellung ist er vor denzwei andern der menschgeschaute Bräutigam; seiner warten die klugen,,ihn versäumen die törichten Jungfrauen; sein Bild als eines lichten Engels,schwebte der leibentsagenden und liebesehnsüchtigen Nonne als der gött-liche Geliebte vor; er ist der Heiland, der durch seine Liebe die Welt unddie im Elend schmachtende Seele erlöst hat. Weil aber die Liebe die all-herrschende Macht ist, so wird auch die dritte Person der Dreieinheit starkhervorgehoben, der heilige Geist, denn er ist die Wesenheit der Liebe.Mit ihm beginnt dieses geistlicheGespräch", Prolog 1,1 ff.: Wir wollen,reden von der obersten Liebe, der größten Gnade, der ruhevollsten Süßig-keit, das ist der heilige Geist, mit seinen heiligen Gaben bringet er alles-Gute 2, 343,14. 3,1428. 5,113; seine Gnadengaben sind die letztenHeilsverheißungen des Buches 128,1233. 145, 28 ff.: was ist unsere Seele?das ist unser Gemüt (muot), worinnen Gott gerne ist. Was ist aber das.Auge? Das ist unsere Vernunft (vernunstäch ratio), mit der wir Gott sehrfröhlich und sehr liebevoll (vil minnecltcheri) sehen und in uns leiten. Nunmeinen etliche, daß die Seele in dem Leib sei: das weiß niemand. DerLeib ist eine giftige Kotmasse {aiterhaftez höre): daran seht ihr der Seele-Kraft, daß sie ihn so herrlich erhöht.

Auch ein Stück mystischer Psychologie ist in die Erklärung des HL.seingeschaltet, und zwar am eingehendsten 128, 1233, wozu 129, 1922zu ziehen ist, und 141,20142, 7: Wenn der Mensch Furcht und Reue hatund schmerzlich zu weinen vermag, so hat Gott die Seele unter sich undhat sie in Besitz genommen als sein Erbe; wenn der Leib und die SeeleFreude haben in der Süßigkeit des heiligen Geistes, so hat die Seele Gottin sich gezogen, so daß sie nimmer geschieden werden weder mit Liebenoch mit Furcht 128, 26 ff. Nun wollen wir sehen, was das Haubt unsererSeele ist: das-ist unser Wille, der lenkt unsere Seele wie das Haubt alleGlieder. Unsere Vernunft {vernunst) ist das Herz, unsere Selbsterfahrung(gehuht) sind die Füße und die Beine 129, 19 ff. Entsprechend dem Augusti-nischen Primat des Willens steht dieser hier obenan. Aber umgekehrt ist141,20ff. die Vernunft das Haubt, die den Willen leitet, der Wille sind diebeiden Füße (die eine Willenstätigkeit, die sich auf die Bedürfnisse des Leibes,,die andere auf die der Seele richtet). Dieses Verhältnis zwischen Vernunftund Willen nähert sich der Ansicht Hugos v. St.Victor. 1 ) Deine Selbsterfahrung(gehuht) ist ein Buch, in das du deine Gedanken einmalst oder einschreibst..

J ) Summa sent.III Kap. 8, Migne 176,101 C, vgl. Ostler, Die Psychologie des Hugo v. St. V.S. 164.