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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 5. Das St. Trudperter HL. 33

frau oder die Braut (brat), die Gemahlin (gemahele, chone), die Freundin{friundinne) Gottes. Sie haben nie mit Sinnenlust geküßt, dieses Küssenpreßt nicht den leiblichen Mund, sondern den geistigen Willen der Lieben-den aneinander, dieses Umfassen geschieht nicht mit den umschlingendenArmen, sondern mit den heiligen Gedanken, mit welchen man Gott zu allenZeiten umfängt. Das Ziel der sehnenden Seele ist die Ruhe in Gott, dessenirdisches Abbild ist Salomo der Friedenskönig (rex pacificus) 41, 6 f. u. ö.Aber in der Liebesglut des alttestamentlichen HL.s empfand die Überspan-nung des Gefühlslebens ein religiös-sinnliches Reizmittel, denn im Zeitalterder Kreuzzüge und der Askese genügte die Frömmigkeit nicht mehr in dernaiv gläubigen Hingabe an Gott oder im Streben nach rein geistiger Wahr-heit, sondern die Empfindung der Gottesnähe wollte man mit den Sinnenund mit dem Körper spüren. Die Gott essen, sind seine Freunde und amliebsten sind ihm die, die von seiner übermäßigen Süßigkeit trunken sind,die in Gott verwandelt werden 66,520.Gott schmecken" ist jetzt zueinem symbolischen Ausspruch der Mystik geworden 20,13f. 65, 18. 93,31 f.,vgl. 121, 12. 138, 1 f. Der höchste Zustand aber dieser sinnlich übersinn-lichen Leidenschaft ist die Liebeserfüllung, die erotische Ruhe in der Um-armung des Bräutigams. Ein schönes Bild ist 134, 27135, 1, wie die Seeledurch die Wüste der Verbannung in das Reich des Vaters geführt wird, wosie die ewige Liebe des Bräutigams besitzt. Erregter sind andere Liebes-szenen. In dem Brautkuß der heiligen Jungfrau ist die selige Welt versöhntmit Gott 7, 518. Liebeskrank ist die Seele nach dem gemahele 74, 175,4.In sein Gemach geleitet sie der König 18, 7, das ist die höchste Freude, siefliehet alles Leiden und alle Sünden, sie fliehet auch gute Arbeiten, Venien undWeinen und selbst das Gebet, sie wird mit Ruhe gestillt werden in dersüßen Bewegung Leibes und der Seele 18,3034, vgl. 66, 23 f., vgl. ferner136, 12f.; 125, 510, vgl. 138, 2025; 41, 2628. Zum Seelenfrieden undzur Gemeinschaft mit Gott glaubte man zu gelangen, indem man dem KörperKeuschheit auferlegte und den Geist zur üppigsten Sinnlichkeit reizte.

Für das Gemütsleben der Mystik, aber auch für die Dogmatik undPsychologie derselben, ist das S. Trudp. HL. ein bedeutsames Denkmal.Der grundbildende Glaubenssatz ist, wie oben erwähnt, die Lehre von derTrinität, die sich zuerst in dem Schöpfungswerk, dem anegenge, offenbart,Prolog 2,174, 34. Aber das Transzendente ist für den Mystiker ein Objektdes Gefühlslebens und durch das höchste und äußerst subjektive Gefühlgelangt man zur Erkenntnis Gottes, das ist die Liebe, und die Grundlehreist am Ende des Buches ausgesprochen: iz ist ain lere der minnichlichengotes erkennusse 145, 12 f.

Aus diesem Gedanken gehen alle einzelnen Sätze dieser Lehre hervor,in ihn münden sie ein, er ist das Ein und das All der mystischen Welt-anschauung. Seine sinnliche Darstellung ist die Vermählung der mensch-lichen Seele mit der Gottheit, das natürlichste Gefühl, die Liebe, ist es, die

Deutsche Literaturgeschichte. II. 3