32 A. Geistliche Literatur, a) Das hohe Lied.
beiden Brautschaftsverhältnisse haben ihre Grundlage in der Bibel, denn dieheilige Jungfrau ist die auserwählte Mutter des Gottessohnes und auf diemenschliche Seele wird die Braut in einzelnen Stellen des alten und neuenTestamentes gedeutet (s. oben Williram S. 27).
Die dogmatische Grundlage des S. Trudp. HL.s ist die Trinität,und zwar ausgedrückt in den beiden herrschenden Formeln, der Augusti-nischen und der Abälardischen. Gleich auf den beiden ersten Seiten werdensie festgesetzt: memoria (mit der Glosse gehuht), ratio, voluntas 1,17f., undgewalt, wistaom, güete 2, 18—21. Das Verhältnis der Braut zum Bräutigamwird gestellt auf die Verbindung der drei Augustinischen Seelenkräfte (diezugleich die Funktionen der dreieinigen Gottheit sind) mit den drei Abälar-dischen Wesenheiten der drei göttlichen Personen: in der menschlichen Seelesollen sich die drei Kräfte memoria (gehuht, die Selbsterkenntnis, die innereErfahrung seiner selbst, das Bewußtsein seines eigenen Seins), intelägentia(vernunst), voluntas (wille) im Verein mit den drei göttlichen Tugendengeloube, gedinge, minne erheben zu den drei Äußerungen des göttlichenWesens, zu der Macht (gewalt) des Schöpfers, der Weisheit (wistuom) desErlösers, der Güte (güete) des heiligen Geistes 13,4—12. Kunstreich wiehier sind die beiden Trinitätsformeln untereinander und zugleich mit dendrei göttlichen Tugenden verschmolzen auch 95, 4—19 und 97, 8—15. In130, 32—132, 30 sind die Eigenschaften der drei Personen weiter aus-geführt und in Beziehung zu den sieben Gaben des heiligen Geistes ge-bracht. Verbunden auch sind die beiden Trinitätsformeln 18, 25—29 und52,30—53, 21, nur die Formel Abälards als Erklärung des Wesens Gottessteht 117, 30—32; vgl. ferner 12, 29—13,3. 60, 8 f. 102, 22—25. 110,10—13. 129, 19-22.
In der Allegorie von der Hochzeit ist entsprechend dem Dogma von derTrinität Gott der Bräutigam, Gott als Gesamtwesenheit. Dogmatisch kannGott in dem Brautschaftsverhältnis auch in seinen drei Äußerungsformeneintreten, d. h. der Bräutigam kann aufgefaßt werden als der Vater, der Sohnund der heilige Geist, so wie es in der Eingangsstelle von der brutlouft 13,4—12 dargelegt ist; zumeist aber ist die nähere Bestimmung der Person desBräutigams offen gelassen. Was aber dem Trudp. HL. seinen ganz eigenenCharakter verleiht, das ist die besondere Art der Brautallegorie als Nonnen-mystik; denn es ist ein Spiegel der keuschen Mägde, der Klosterfrauen,was gegen den Schluß selbst als Zweck angegeben wird. An diesem Buchsollen die Bräute des allmächtigen Gottes ihren Spiegel haben 145, 14 f.,und unmittelbar am Ende, 147,25—148,6: an dieser Schrift sollst du er-kennen die Bräute des allmächtigen Gottes usw. Sie vor allem sind gemeintunter den juncfrouzven, die sele, die sich Christus vermählt, ist die keuscheNonne, ihr ist der Seelenbräutigam bestimmt. Die geistliche Hochzeit istim Sinne des Kreises, für den diese Auslegung des HL.s verfaßt wurde, dieVermählung der Nonne mit dem himmlischen Bräutigam, sie ist die Jung-