§ 5. Das St. Trudperter HL. 31
Willirams HL. ist stark benutzt. 1 ) Aus ihm sind größtenteils die Schrift-worte der Verse entnommen, jedoch nie ganz wörtlich, sondern es bestehtein Streben nach stilistischer Abrundung und sachlicher Klarheit. Im Wort-schatz sind ältere, seltenere oder dem Verfasser nicht beliebte Wörter durchgebräuchlichere ersetzt. Innerhalb der jeweils auf die Bibelverse folgendenAuslegung ist der sinnspringendste Unterschied die bedeutende Einschrän-kung der Mischprosa. Die Einrichtung ist also derart, daß die Bibelversezuerst lat. stehen, dann ins Deutsche übersetzt sind; darauf folgt die Aus-legung, mit nur vereinzelten lat. Worten, meist sind die lat. Sätze oder Aus-drücke übersetzt oder in verwandte Gedanken übertragen. Die BenutzungW.s ist in der Auslegung sehr verschieden: etwa ein Drittel der W.schenBibelverse ist unberücksichtigt geblieben, in den übrigen Teilen finden sichstellenweise nur leise Anklänge, dann aber auch wörtliche Entlehnungen.Aber die Leitgedanken und die Tendenz beruhen auf einer ganz andernSeelenstimmung. In dem St. Trudp. HL. hat die große gemütserhebendeBewegung der Mystik des 12. Jhs. einen ungemein charakteristischen Aus-druck gefunden: wie das Gefühlsleben aufs äußerste gespannt ist, wie dasNatürliche und das Übersinnliche verschwimmt in dem einzigen Sehnennach der Vereinigung mit dem Göttlichen, wie dieses Sehnen leibhaftes Er-lebnis wird in der süßen Umarmung des himmlischen Bräutigams, in dessenKuß die selige Welt versöhnt wird mit ihrem Erlöser, da die heitere Sonnedes ewigen Lichtes leuchtet in die finstere Kammer der im Elend irrendenSeele (6, 22ff.). Es ist das erste Buch der deutschen Mystik, und wasdieser wonnigliche Brautgesang (6, 28) verkündet, das ist auch der Geistder späteren deutschen Mystik. Von W.s Auslegung, die die Bedeutungder Kirche als allgemein christliche Heilsgemeinschaft zum Gegenstand hat,unterscheidet sich das St. Trudp. HL. eben dadurch, daß es die mystischeErfassung der göttlichen Liebe durch die Liebe innerhalb des klösterlichenLebens lehrt. Damit ist auch die liebende Braut nicht mehr so sehr,wie bei W. die Kirche, die Gesamtinstitution der Gläubigen, als vielmehrentweder Maria oder die einzelne menschliche Seele. So sagt der Ver-fasser selbst: die Gemahlin ist die heilige Christenheit und zuvorderst dieGottesmutter und eine jegliche reine Seele 43, lf., 2 ) und im Eingang nennter auch nur zwei Vermählungen, einmal die zwischen dem höchsten Gottund der demütigsten Jungfrau: in ihr hat er uns Menschen alle geküßt 10,16—11,4; und dann die, in der des armen Sünders Seele in Einheit mitGott gelangt nach vollkommener Bekehrung und Reue 11,29—32. Diese
tum Eichstätt nach Hohenburg berufen wurde;vgl. dagegen bes. Kelle S. 125 f. 325 f. Haynersetzt unser HL. im Anschluß an die Hs. Anach S. Trudpert, woher es den seither üb-lichen Namen „St. Trudperter HL." hat. —Hier sei daran erinnert, daß in jenen Jahrenebenfalls ein lat. Kommentar-zum HL. voneinem Geistlichen für ein Nonnenkloster ab-
gefaßt wurde, nämlich dieCommentaria superCantica Canticorum von Wolbero, Abt vonS. Pantaleon in Köln (f 1167) für die Bene-diktinerinnen in insula Rheni, Migne 195,1001—1272, s. Kelle S. 124.
') V. Müller S. 44—57.
2 ) Löbner, Die Hochzeit S. 6 f.; Raab S. 11 ff.;V. Müller S. 58—61.