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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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A. Geistliche Literatur, a) Das hohe Lied.

trockener Auszug aus Beda ist, unter seltener nochmaliger Beiziehung vonBeda und den Kommentaren von Alcuin und Angelomus von Luxeuil (um830). Er gibt den Inhalt Haimös ganz frei und nicht in bloßer wörtlicherÜbersetzung wieder. Er verfolgt eigene Grundsätze und zwar sowohl hin-sichtlich der Anordnung als der Darstellungsweise. Während Haimo derReihe nach jedes Motiv eines Bibelverses erklärt und dann diese einzelnenDeutungen zu der daraus sich ergebenden Auslegung zusammenfaßt, über-trägt W. zuerst den Vulgatasatz ins Deutsche, dann bringt er die bei Haimoeinzeln gegebenen allegorischen Auslegungen des Satzes zusammen in eineallegorische Erzählung. Dadurch sind die trockenen Aneinanderreihungenvon Grundstoff und Auslegung zu einem mehr einheitlichen Vorstellungs-bilde verwoben. Aber auch die äußere Anlage gestaltet er lebendiger, in-dem er über den Abschnitten die redenden Personen angibt, z. B. VoxChristi, Vox Ecclesiae, zuweilen auch Synagoga, meist mit erläuternden Zu-sätzen, die besagen, zu wem oder über welchen Gegenstand gesprochenwird, während bei Haimo die Personenangaben innerhalb des fortlaufendenTextes eingeflochten sind. So tritt die F orm eines drama tischen Dialogs,stärker hervor, in dem die Rollen auch gleich äußerlich verteilt sind. W. alsosetzt ein literarisch-künstlerisches Prinzip an Stelle des didaktisch-praktischenHaimos. Die Darstellung hat damit an lebendigem poetischen Reiz gewonnenund man erhält aus der ganzen Art der Behandlung den Eindruck, daßW. ein wohlgeschultes Verständnis für die Form besaß, ohne jedoch denstarken Empfindungsgehalt des Stoffes innerlich zu durchleben: die Zeit derMystik war noch nicht gekommen. Durch die Bevorzugung der künstle-rischen Technik hat die Ausführung an Klarheit verloren, da der ursprüng-liche Wortsinn und die hinzugetretene Deutung nicht mehr so leicht zuscheiden sind; zuweilen allerdings kennzeichnet W. die allegorische Aus-legung durch figuratur, significatur, bezeichenet. Man erkennt also beiHaimo und bei W. zwei verschiedene Absichten: jener will nur belehren,-docere, W. will zugleich auch ergötzen, delectare. Das spricht er auch imProl. Z. 3438 aus: er wendet an den inhaltlich vornehmeren Stellen einengehobeneren Stil an, majoris auctoritatis, und zwar den schönen Stil, ut...quivis legens ... delectabilius afficiatur. Er kürzt zumeist seine Vorlage undweiß dabei geschickt die Hauptpunkte des Sinnes herauszugreifen, er ver-einfacht, stellt um, sucht Zusammengehöriges in engere Verbindung zu setzen,lauter Mittel, um die Rede zu glätten, die er zudem durch gewandten Satz-bau in angenehmen Fluß zu bringen weiß.

Die Sätze des Bibeltextes sind völlig deutsch wiedergegeben, daran reihtsich die allegorische Auslegung in lat.-deutscher Mischsprache. 1 ) Mit

zum Ende des 12. Jhs. s. bei Kelle 2, 57.123 f., dazu noch Honorius Aug., Migne 172,347496. 495518; Jos. Endres, HonoriusAug. 1906 S. 2628. 5861.

!) Scherer S. 293 ff.; Seemüller S. 94- 96;Friedr. Junghans, Die Mischprosa Wil-lirams, Berline; Diss. 1893, dazu Seemüller,Anz. 21, 225228.