22 A. Geistliche Literatur, a) Das hohe Lied.
freieren Richtung, die, noch ein Nachklang der Renaissance des großen Karl,den Sinn für die Kunst des klassischen Altertums offen hielt (dialectica),sollte alleinherrschend die christliche Wissenschaft treten (ecclesiastica studia).Schroff werden sich entgegengesetzt Heidentum und Christentum, die altehumane Wissenschaft der Septem artes liberales und die „divina pagina",das Wort Gottes mit den theologischen Schriften: sie verhalten sich wieFinsternis und Irrtum zum Licht und zur Wahrheit. Die beiden Reiche, dieNotker noch vereinigen konnte, die Wissenschaft von der Welt und die vonGott, sind jetzt radikal getrennt, so zwar, daß jene überhaupt wertlos, jaschädlich ist. Die Humanität ist gegenüber dem Dogmatismus aufgegeben,die Dialektiker, die Philosophen müssen den Theologen weichen, zumalin Deutschland ist die Literatur ganz klerikalisiert. Dieser Übergang hatsich sogar in einem einzigen Manne vollzogen, dem bedeutendsten Lehrerder Zeit, Lanfrartc, den sich Williram selbst zum Vorbild nimmt. Nochschärfer setzt er den schandbaren, lediglich weltlichen Spielen, Fabeln undGesängen der Laien, den ludis et fabulis aut turplbus cantllenis, die diuinamysteria des alten und neuen Testamentes entgegen, welche die doctoreslehren, § 128 (Seemüller S. 58).
Inhalt. In der Vermählungsallegorie ist der Kerngedanke der Religionüberhaupt aufgenommen: die religio als „Verbindung", als Verhältnis desChristen zu Gott; und es ist die Kirche als das Vereinigungsmittel aufgestellt,als Heilsinstitut, durch welches jene religio zwischen Mensch und Gott be-wirkt wird. Das HL. ist damit eine Verherrlichung der Macht der Kirche,denn in ihrer Gemeinschaft kommt der einzelne Gläubige zum Heil seinerSeele. Wenn aber solch eine einzelne Seele sich nach der innigsten Ver-einigung mit dem Allerhöchsten sehnt, so ist es gleich einem liebenden Um-fassen, und das seligste Ineinssein, das völlige Aufgehen des eigenen Seinsim andern geliebten Sein ist gleich einer irdisch-himmlischen Brautschaft.Dann ist es die Stimmung der Mystik, und so ist die Gemaheischaft derSeele mit Christus, Christus und die minnende Seele, Jesus der Seelen-bräutigam, in den Zeiten gesteigerten religiösen Empfindungslebens das Leit-motiv der Mystik gewesen, der innerste Ausdruck des erotisch-spirituellenEwigkeitsdranges. So kann die allegorische Bedeutung der Brautschaft imHL. in zwiefacher Weise aufgefaßt werden: entweder mehr intellektuellund dogmatisch als Christus und die Kirche, oder mehr sentimental undmystisch als Christus und die liebende Seele. W.s Allegorie jst erstererArt, ja seine Paraphrase ist eine dogmatische Heilslehre. Es ist eineSumma Theologiae mit dem bestimmten Ziel der Erlösung, in der nurdie einzelnen dogmatischen Sätze nicht systemgemäß ausgesucht und ge-ordnet, sondern eben nach dem Verlauf des biblischen Textes des HL.svorgetragen sind.
Entsprechend dem Grundgedanken der Allegorie, wonach Christus derBräutigam der Kirche bezw. der christlichen Menschheit ist, bestimmt