§ 4. Willirams Paraphrase des HL. 21
die sog. Schöbersche Hs. (Seemüller, QF. 24,13. 28 S. X; Pietsch, ZfdPh. 9,233), vgl. ErnstPanten, Der Maih. W., Greifsw. Diss. 1908.
Die Hss. spalten sich in 3 Gruppen: 1. Y zu der alle Hss. gehören außer 2. D und3. A; Y zerfällt wieder in die beiden Untergruppen *C u. *B : C* = C mit den unmittelbardaraus geflossenen Abschriften J K L dazu F(= «) und weiter M; B* = ß) B mit der Abschrift H,dazu P, (E), u. y) = G + NO. Die für die Textkritik wichtigsten Hss. sindC, welche Seemüllerzugrunde legt (sie hat Korrekturen, die vielleicht auf W. zurückgehen); dann B; A ist vonbesonderem Interesse wegen des Dialektes, hat aber wegen der willkürlichen Behandlungdes"Textes nicht die Bedeutung, die ihr hohes Alter erwarten ließe.
Die große Zahl der Hss. — außer den erhaltenen Hss. besitzen wirnoch Nachricht von mehreren verlorenen*— beweist, daß W.s Werk im 11.u. 12. Jh. sehr geschätzt und verbreitet war. In der Mitte des 12. Jhs. wurdeder Text als Grundlage für das Trudperter Hohe Lied benutzt, mit dem13. Jh. aber hört das Interesse für die geistliche Literatur der früheren mhd.Zeit auf, die Sprache, zumal die Mischprosa, galt als veraltet. Doch amEnde des MA.s fand W.s Paraphrase wieder Beachtung, wie die MaihingenerHs. von 1483 beweist, und als die wiederauflebende Wissenschaft des Humanis-mus sich auch der deutschen Vergangenheit zuwendete, wurde 1528 vonMenrad Molther in Hagenau ein erster Druck veranstaltet, aber freilich inder Humanistensprache, denn der deutsche Teil wurde ins Lat. übertragen. 1 )Dann folgen 1598 der erste Druck des deutschen Textes nach der Hs. A vonMerula und Marquard Frehers (1631) wissenschaftliche Vorarbeiten zu einerAusgabe (Seemüller, QF. 24, 66—74), des Franciscus Junius Observationesin Willerami Abbatis Paraphrasin, Amsterdam 1655, und dann die Ausgabevon Schilter.
Vvillirams lat. Prologus 2 ) in Cantica Canticorum, der in den meistenHss. das Hohe Lied eröffnet, ist das wichtigste Zeugnis für die Lage derWissenschaft am Übergang der ahd. in die frühmhd. Zeit und darum vongroßer Bedeutung für die Geistesgeschichte im 11. Jh. Er zerfällt in 5 Teile:I. Z. 1—24 Grund zur Abfassung des Werkes. II. Z. 24—28 Titulus, d. i. Be-nennung des Werkes und Beschreibung der Einrichtung des Textes. III. Z. 29—38Art der Bearbeitung: Ich habe nichts aus Eigenem hinzugefügt, sondernalles verschiedenen Kommentaren der heil. Väter entnommen und mehr aufden Sinn als auf den Wortlaut geachtet. Den Stil habe ich für die Wortedes Sponsus und der Sponsa so gefaßt, daß er, wie es in der Bibel derFall ist, so auch in den lat. Versen und im deutschen Text ein höheres An-sehen gewinnt. IV. Z. 38—41 Freudiger Stolz über die eigene Arbeit. V Z. 41—44,zum Schluß legt er sein Werk den Gelehrten zur Beurteilung vor, derenBesserungsvorschläge er gern befolgen werde.
In der Beurteilung der geistigen Strömungen, in der Williram hiermit bewußter Absicht die Begründung seiner Arbeit niederlegt, ist kurz undklar ausgesprochen, daß eine neue Zeit angebrochen ist: an die Stelle der
») Seemüller, QF. 24, 8; Pietsch, ZfdPh. I 2 ) Seemüller, QF. 28, lf.; Kelle S.55f.;9, 227 f. 232. | Reichau Abschnitt II.