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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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Allgemeine Voraussetzungen. §3. 15

scharfer, das Gewöhnliche mit leiser (nicht hervordringender) vorbringen.Die Zuhörer sollen viel mehr den Eindruck haben, die Dinge selbst mitAugen zu schauen als dich zu hören." 1 )

Die mittelalterliche Rhetorik (das ist Stilistik) ist eine unmittelbareFortsetzung der lateinischen, Beredsamkeit und Kunst der sprachlichen Formsind in Italien auch nach dem Untergang des römischen Reiches weiter ge-pflegt worden. Die Gesetze des Stils haben hauptsächlich Augustin (Dedoctrina christiana IV, 1026) und Isidor (Orig. II, 6 ff,) dem Mittelalter über-liefert. Die Grundlagen bilden die drei Stilarten (genera diceridi), die Cicerofestgelegt hat: 2 ) a) der niedrige (alltägliche, einfache) Stil, genus dicendi tenue,auch extenuatum, submissum, humile (Isidor); b) der mittlere Stil, genusdicendi mediocre oder temperatum, medium (Isidor); c) der erhabene Stil,genus dicendi sublime, auch grave, grandiloquum (Isidor). Diese drei Artendes sprachlichen Stils sind Ausdrucksformen für einen entsprechenden In-halt, für das Gewöhnliche, für das Mittelmaß, für das Erhabene. Jede istauch in einer bestimmten Absicht anzuwenden: der einfache Stil berichteteinfache Dinge und lehrt (docere); der mittlere Stil soll ergötzen (delectare);der erhabene Stil soll rühren (movere). Diese drei ethisch-rhetorischen Stil-arten kann man auf jeden Gegenstand anwenden, je nach der Absicht zubelehren, zu ergötzen, zu rühren. Der erhabene Ausdruck aber hat seinenrichtigen Platz, wenn die Rede zum Lobe Gottes dient.»)

§ 3. Die Sammelhandschriften.

Die Überlieferung der frühmhd. Literatur ist im allgemeinen nicht ungünstig, dadie geistlichen Schreiber dieser Zeit meistens leidlich gewissenhaft arbeiteten, so daß wirk-lich nachlässige Handschriften selten sind. Beeinträchtigt aber wird der Wert vieler Stückedadurch, daß sie nur fragmentarisch auf uns gekommen sind. Von großer Wichtigkeit sindeinige Sammelhss., in denen gerade mehrere der hervorragendsten Erzeugnisse des 11. u.12. Jhs. enthalten sind.

I. Die Wiener Hs. 2721, 4 ) k. k. Hofbibliothek, Perg. kl. fol. 183 Bl 2. Hälfte des12. Jhs., stammt vielleicht aus Kärnten. Sie enthält: die Genesis Bl. l a129&, den prosa-ischen Physiologus Bl. 129t> 158a, die Exodus Bl. 159a183*. Die Genesis hat Bilder aufBl. l a5 b , von da an ist für solche Raum gelassen, der Physiologus ist durchweg mitBildern geschmückt, die Exodus ist nicht illustriert. Die Abschnitte beginnen mit größerenund farbigen Buchstaben. 5 )

II. Die M ilstäter Hs. K (nach ihrem Aufbewahrungsort Klagenfurt, oder M = Milstat) 6 )

1 ) Die Rhetorik des MA.s gründet sich aufdie der Römer, vgl. Ehrismann, Stud. überRud. v. Ems.

2 ) Ebenda, bes. S. 23 ff.

3 ) Augustinus, De doctr. Christ. IV, 19;Isidor, Orig. aaO.; Hrabanus Maurus, Decleric. inst. III, 33.

*) Hoffmanns Verzeichnis Nr. V S. 3f.;Graff, Diut. 3, 22. 40; Hoffmann, Fundgr.2, 9 f.; Massmann, D.Ged. S. 158 f.; Diemer,Gen. u. Ex., Einl. S. III; Scherer, QF 1 S. 1 f.6265; Vogt, Beitr. 2, 209; Ernst Koss-MANN, Die altdeutsche Exodus, QF. 57, 1886,S. 2 f.; Kelle, LG. 2, 251.

5 ) Graff, Diut. 3, 40; MSD. II 5 , 113f.

6 ) Karajan, D. Sprach-Denkm. des 12.Jhs., Wien 1846, S. V X (dazu Leitzmann,Anz. 34, 122); Jos. Diemer, Genesis undExodus nach der Milstäter Hs., Wien 1862,Einl. S. I-III; Scherer, QF. 1, 4.62-65; 7,3 ff. 21; Vogt, Beitr. 2, 209 f.; Kossmann,Exodus S. 3f.; Kraus, Vom Rechte S. 2ff.;Kelle 2, 251; Bulthaupt, Milstäter Genesisund Exodus, Palästra. 72,112. Die Stücke1 und 3 sind von Diemer aaO., 2. 4. 5. 6von Karajan aaO. herausgegeben; über dasBruchst. vom himml. Jerusalem s. unten. DieBilder sind bei Karajan (Physiologus) undDiemer (Genesis), aber nicht koloriert, wieder-gegeben.