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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
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10 Einleitung.

mehr noch zur Erläuterung des Textes. Die Formen sind gebunden, nichtfrei schafft der Zeichner aus eigener Anschauung die Gestalten, sondernnach einem allgemein gültigen, traditionell überkommenen Schema. Personenund Gegenstände sind typisch erfaßt, es sind mehr Symbole als Wirklich-keiten. Die Zeichnungen der Milstäter Genesis sind Szenenbilder in ge-schickter Raumverteilung, oft in wohl abgemessenem symmetrischen Bau. DieKörper bewegen sich in schön geschwungenen Linien, was durch den Falten-wurf der Gewänder unterstützt wird. Das größte Gewicht aber ist auf dieWiedergabe innerer Vorgänge gelegt, sie bestimmen die äußere Haltung. DieGebärdensprache beherrscht die Personendarstellung: in dem Ausdruck desAntlitzes, in der Haltung des Kopfes, vor allem aber in dem Deuten derHände und der Finger will der Zeichner die Bewegungen der Seele dem Be-trachter mitteilen. Diese Stilmittel sind spätantike, überall in der gleich-zeitigen Malerei geltende Tradition. Die Natur ist nur symbolisch durcheinen architektonisch-ornamental, stilisierten Baum erläutert. Aber trotz derwenigen und sich immer wiederholenden Typen wird ein reiches Leben ent-faltet. Wir sehen die Menschen, in Alltagskleidung, bei häuslichen Verrich-tungen, beim Essen, Trinken, Schlafen, beim Handwerk und im gesellschaft-lichen Verkehr, im Haus, im Freien, Geburt und Tod. Im Gegensatz zudem Volksleben in der Milst. Hs. stellen die Zeichnungen des Rolands-liedes das heroische Rittertum dar, ritterliches Kostüm, Rüstungen, Waffen,Pferde, Kämpfe geben hier das charakteristische Gepräge. Der Physiologusder Milst. Hs. ist belebt durch die phantastischen Bilder einer symbolischenTierwelt, hier treffen Wissenschaft und Kunst, Naturgeschichte und Literatur,Skulptur, Malerei, zusammen, um in spielender Märchenphantasie christlicheLehren in heiligen und höllischen Gestalten bildhaft zu verkörpern. Gegen-über der einfacheren Zeichnertechnik der Milst. und derRoland-Hss. stellen diekolorierten, reichaus geführten Bilder der Hss. vonWernhers Marienlebeneine höhere Stufe der Buchillustration dar. Es sind selbständige kleine Kunst-werke. Sie fallen schon in den Beginn des folgenden Zeitraums.

Mit der neuen Frömmigkeit ist die christliche Welt in eine neue Ent-wicklungsstufe eingetreten und die Literatur der Zeit mußte den neuen Geistzum Ausdruck bringen. Es trug aber dieses neue Menschheitsideal die Nötigungzur Ausdehnung in sich, denn der Universalgedanke ist jetzt die Triebkraftaller politischen und geistigen Strebungen. Die Weltherrschaftstendenz derKirche forderte eine völlige Durchdringung der Gesellschaft mit ihren Forde-rungen, es mußte das ganze Volk in den Gedankenkreis des Christentumseinbezogen werden. Die Welt zum Dienste Gottes zu erziehen, im Weltreichdas Gottesreich vorzubereiten, das war die Aufgabe der Kirche. Mit derimperialistischen Reichsidee der sächsischen Kaiser war die deutsche Sprachegleichsam zu einem Volksdialekt heruntergesunken, die lingua latina hattedie lingua theotisca nun ganz auf dem geistlichen Gebiete verdrängt. EineVereinigung beider zu praktischen Klosterzwecken wurde von Notker er-