Allgemeine Voraussetzungen. § 1.
überwuchernden Bilderfülle. Die Typen des alten Testaments, Personen undBegebenheiten, werden auf christliche Verhältnisse gedeutet, die buchstäb-liche Erzählung erhält einen tieferen, geistigen Sinn, indem sie nur ein Bildist für eine christliche Wahrheit. Und viel weiter: die ganze christliche Kunst,der christliche Kultus ist Symbol; 1 ) sind doch die Dinge der SinnenweltOffenbarungen Gottes im Bilde. Alles Irdische ist nur ein Gleichnis.
Das Mittelalter hat in Kunst und Wissenschaft das Erbe des sinken-den Altertums angetreten. So sind mit dem Christentum viele antike, inromantisches Gewand verhüllte Elemente 2 ) den abendländischen Literaturen,auch der deutschen, zugeführt worden. Mit der Alexanderdichtung wurdeder Weltherrscher des Spätgriechentums zu einem mittelalterlichen Roman-helden, in der wunderbaren Orientfahrt des Herzogs Ernst lebten, wie inAlexanders Ostfahrt, antike Reiseabenteuer und Märchen fort. Auf die Kon-zeption der spielmännischen Entführungssagen ist der griechische Apolloniusvon Einfluß gewesen, die römische Geschichte der Kaiserchronik beruht zumgrößten Teil auf Erzählungen und Fabelgeschichten des Altertums und imPhysiologus wurde alexandrinische Naturwissenschaft christlich umgedeutet.Das Gesetz vom ununterbrochenen Zusammenhang der Kultur kommt immerwieder zur Geltung, auch geistliche Dichtgattungen des Mittelalters habenihren Ursprung im Griechentum. Die Vorgeschichte und Jugend Jesu istdurch die apokryphen Evangelien der ersten christlichen Jahrhunderte poetischerweitert worden; wie der kynische Asket im christlichen Gottesstaat sichzum weltentsagenden Mönch umbildete, so sind die Heiligen- und Märtyrer-legenden christliche Stilisierungen hellenistischer Wundererzählungen, derAretalogien, und die Jenseitsvisionen gehen zurück auf griechische Hades-fahrten und Himmelsflüge.
Auch die bildende Kunst 3 ) hat in diesem Zeitraum eine Wandlungerfahren. Der Höhepunkt des romanischen Baustils wird erreicht, die Rund-bogenwölbung wird vollkommen durchgeführt, es entstehen die großen Domevon Speyer und Mainz, auch die Malerei entwickelt in sich eine ausgesprochenmittelalterliche Kunstform. In diesem Zeitraum treten die Beziehungen zwischenLiteratur und bildender Kunst stärker auf als in der ahd. Periode, es mehrensich die Bilderhandschriften. Die Illustrationen dienen zum Schmuck, oft
gionsgeschichtl. Volksbücher III. Reihe 9. H., I Die Antike in Poetik u. Kunsttheorie vom Ausg
Tübingen 1907.
J ) Wolfg. Menzel, Christi. Symbolik,2 Bde., 2. Aufl. 1856; Ferd. Piper, Mytho-logie der christlichen Kunst von der ältestenZeit bis ins 16. Jh., 2 Bde., 1847. 51; W.Grimm, Konrads v. Würzburg GoldeneSchmiede S. XVIII ff.; Anselm Salzer, DieSinnbilder'u. Beiworte Mariens in der deutsch.Lit. und lat. Hymnenpoesie des MA.s, Progr.Seitenstetten 1886—1893.
2 ) Burdach, Verhandl. d. 44. Philol.-Vers.zu Dresden 1897 S. 28—31; Karl Borinski,
d. klass. Altertums bis auf Goethe u. Wilh. v.Humboldt I, 1914.
3 ) Siehe bes. Panzer, Dichtung u. bild.Kunst des deutschen MA.s in ihren Wechsel-beziehungen, N. Jahrb. VII, 135—161; v. D.Leyen, Deutsche Dichtung u. bild. Kunst imMA., Abhandl. für FranzMuncker 1916; Bur-dach, Deutsche Renaissance.DeutscheAbendeIV, 2. Aufl. 1918 S. 15. 98; Max Herrmann,Forschungen zur deutschen Theatergesch. desMA.s u. der Renaissance, 1913, wo überallweitere Literatur angegeben ist.