Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
8
Einzelbild herunterladen
 

8

Einleitung.

II. Von Gott als dem Schöpfer Himmels und der Erde (Erschaffung derEngel, Fall Lucifers, Sechstagewerk, Erschaffung Adams und der Eva, Sünden-fall; daran anschließend Ethik: die sieben Todsünden und Haupttugenden)(Schöpfung und Sündenfall).

III. Von Christus, dem Sohn, dem fleischgewordenen Wort, und von derErlösung (das Leben Jesu) (Erlösung).

IV. Von dem heiligen Geist als der Kirche mit ihren Sakramenten undDienern. Die letzten Dinge: Auferstehung des Fleisches und jüngstes Ge-richt und ewiges Leben (Heiligung durch die Kirche; Weltende undEwigkeit).

In drei Stufen spielt sich die christliche Weltgeschichte ab: Einst war derMensch mit Gott vereint im Paradies; durch die Verführung des Satans geräter in Sünde und wird aus der Heimat in das Elend der Welt gestoßen;durch den Erlösertod Christi wird er wieder mit Gott ausgesöhnt und in diehimmlische Heimat zurückgeleitet, die Unversöhnten aber sind der Hölleverfallen. So ist das Leben des Christen ein ständiger Kampf, ein Krieggegen die Welt und gegen den Teufel. Die Einheit in diesem inneren undäußeren Zwiespalt und der Grundgehalt der ganzen christlichen Gedanken-welt ist 'Erlösung'. In dieses System läßt sich jedes geistliche, jaselbst jedes weltliche Literaturwerk des .Zeitraums einreihen: derDualismus zwischen Sinnen- und Geisteswelt, der in der Harmonie mit demGöttlichen seine ^Auflösung findet.Der Himmel hat sich der Erde vermählt"Ezzo 11, 2.

Eine für die mittelalterlichen Glaubensvorstellungen charakteristische An-schauungsform christlicher Ideen ist die Symbolik. Die allegorische odertypologische Auslegung 1 ) umrankt die einfachen Wahrheiten oft mit einer

formel lautet memoria, intelligentia,voluntas; memoria, die Erkenntnis seinerselbst, dieGesamtheit desBewußtseinsinhaltes,die innere Erfahrung; intelligentia, Verstand,Urteilskraft; voluntas, Wille. Die Dreieinigkeitist also psychologisch gefaßt: so wie die ein-heitliche Seele drei Funktionen hat, memoria,intelligentia, voluntas, so bilden auch die dreigöttlichen Personen eine Einheit. Diese imWesen des Geistes begründete Trinität ist fürAugustin auch ein rein geistiges Bild. 2. Abä-lardsTrinitätsf ormelhatdiedreiFaktorenpotentia, sapientia, charitas (statt chari-tas auch amor oder dilectio oderbonitas), d.i.Macht, Weisheit (des Vaters und des Sohnes),Liebe oder Güte. Diese Eigenschaften derTrinität sind ebenfalls Augustin entnommen,sie sind aber von diesem nicht als Dreieinig-keitsformel zusammengefaßt, sondern an ver-schiedenen Stellen zerstreut. Sie wurden alsovereinigt (von Abälard oder schon früher?)und wurden dann, weil verständlicher als dieabstraktere Formulierung der AugustinischenDreiheit, volkstümlich, so daß heute dem Vaterdie Werke der Allmacht, dem Sohn die der

Weisheit, dem heiligen Geist die der Liebezuerkannt werden.

*) Siehe Bd. 1, 148. Die allegorische Me-thode ist ein Erzeugnis griechischer Dialektik.Plato und noch mehr die Stoiker suchten dieMythen der Volksreligion zu verbinden mitihren philosophischen Ideen. Diese Methodeder Vergeistigung des Sinnlichen wendete derjüdische Religionsphilosoph Philo von Ale-xandrien (zur Zeit Christi) auf das alte Testa-ment an, in dessen Erzählungen er hinterdem einfachen Tatsachenbericht tiefere philo-sophische Gedanken fand. Das ältesteChristen-tum hatte das gleiche Bedürfnis, das alteTestament mit seinen neuen Anschauungenzu vereinigen, ja das alte Testament drängtegeradezu darauf hin, indem die Propheten jaauf den kommenden Messias und die Er-lösung des Volkes hiudeuteten, ihn in er-habener Bildersprache verkündeten. Für denChristen ist das alte Testament die Erwartung,das neue die Erfüllung. Eine übersichtlicheBehandlung der Geschichte der typischenSchriftauslegung gibt Hans Vollmer, VomLesen und Deuten heiliger Schriften, Reli-