ALLGEMEINE VORAUSSETZUNGEN. § 1.
die einfache Frömmigkeit derer, die nicht mit der Vernunft prüfen; die ver-nunftmäßige bei denen, die zum Glauben das Vehikel der Vernunft hinzu-bringen; die Frömmigkeit des reinen Herzens, wenn der Glaube im Innerngleichsam schon gekostet wird.
Der Mystik verwandt sind die Lehren Ruperts von Deutz (f 1135).Seiner Glaubensinnigkeit ist Christus der Gottmensch der Mittelpunkt, dieMenschwerdung ist der Zweck der Schöpfung, die höchste Stufe der Offen-barung, die Liebe, ist der treibende Grund zur Inkarnation.
Diefrühmhd. geistliche Literatur ist durchaus abhängig von der lateinischen.Sie gibt der Überlieferung keine eigenen Wendungen, sie bringt die herrschen-den Glaubensanschauungen dem populären Verständnis entsprechend, die Ver-fasser selbst sind nur rezeptive Köpfe, sind „Theologen" im Sinne der Zeitund nicht geschult in den Künsten der Dialektik. Demnach kommen dieschwierigen Spekulationen der Scholastik nicht in Betracht und die Grund-lage für die Beurteilung der deutschen Dichtungen muß das festgelegteDogma bilden.
Das Dogma in seiner einfachsten Gestalt ist das apostolische Glaubens-bekenntnis. Dieses bildet den Grundstock des Systems des christlichenGlaubens. Die Disposition des Symbolums liegt allen Glaubenslehren undDogmensystemen zugrunde. Es ist die Trinität, die Lehre von der Dreiheitin der Einheit, von Gott als Gott dem Vater, dem Sohn, dem heiligen Geist.Nach diesen drei Hauptartikeln zerfällt also die Glaubenslehre in drei Teile,in dem kirchlichen Lehrsystem aber geht diesen voraus eine Darlegung allerdrei Personen als einer Einheit, d. i. des Wesens der Trinität. 1 ) Die Zu-sammenfassung der Lehren des katholischen Glaubens wird seit dem zwölftenJahrhundert Summa genannt, eine theologische Summe, „SummaTheologiae",oder mit spezieller Bezeichnung, eine Summa Sententiarum, wenn die Summezugleich die Sentenzen, Aussprüche, der Kirchenväter und Kirchenlehrer ent-hält. Die älteste derartige dogmatische Zusammenfassung ist Augustins DeSymbolo, das einfachste Beispiel für eine Summa Theologiae ist der heutigekatholische Katechismus.
Der Grundplan des kirchlichen Lehrsystems oder einer Summa Theologiaeist also folgender (wobei jedoch eine streng gleiche Reihenfolge oder Ein-teilung der einzelnen Teilartikel in den mittelalterlichen Summen nicht ein-gehalten ist):
I. Von der Trinität. 2 ) Wesen und Eigenschaften der drei göttlichen Per-sonen in bezug auf die Dreiheit in der Einheit.
*) Die besondere Betonung der Trinität amEingang des ganzen Systems stammt aus demathanasianischen Glaubensbekenntnis.
2 ) Die Trinität ist die Haupt- und Grund-lehre des Christentums, am schärfsten aus-gesprochen in dem Athanasianischen Sym-bolum. Die drei göttlichen Personen, Vater,Sohn, heiliger Geist, sind nur ein einziger
wahrer Gott. Die Dreiheit ist eine Einheitvon Ewigkeit her, der Sohn ist vom Vatervon Ewigkeit gezeugt, der heilige Geist istvon Ewigkeit von Vater und Sohn ausgehend.Keine der drei Personen ist größer als dieandere. Die Eigenschaften der drei Personeninnerhalb der Einheit sind gefaßt in denTrinitätsformeln: 1. Augustins Trinitäts-