Einleitung.
Aber die vernunftgemäße Behandlung der Glaubenstatsachen, welche sichdie Scholastik zur Aufgabe machte, konnte der Frömmigkeit nicht für dieDauer genügen. Die tiefe Sehnsucht des Herzens, der leidenschaftliche Drangzur Nähe Gottes kann nur gestillt werden in inniger Vereinigung mit ihm.Dann wird das Sehnen erfüllt im Schauen. Die Scholastik sucht das Gött-liche nur vernunftmäßig zu begreifen, die Mystik dagegen kann es mit demGefühl leibhaftig in sich aufnehmen. Der Zustand, in welchem dieser Ver-kehr mit dem Göttlichen geschieht, ist die Kontemplation. Der Gegensatzzwischen dem aktiven und dem kontemplativen, dem tätigen und dem be-schaulichen Leben, wird stark betont. Der vollkommenste Akt jener Vereini-gung aber ist die Ekstase. 1 )
Auf die Durchdringung des wirklichen Lebens mit dieser in dem sub-jektiven Gefühle verankerten Frömmigkeit ist die hinreißende BeredsamkeitBernhards von Clairvaux (1091—1153) gerichtet (praktische Mystik). Erist Prediger, auch in seinen geschriebenen Traktaten. Er erschüttert die ge-knechtete Seele, um sie zu befreien. Das Ablegen des Irdischen ist dieGrundbedingung für die höhere Frömmigkeit, die Weltverachtung führt zurBefreiung. Die notwendige Seelenbeschaffenheit ist die Demut, das Ziel istdie Liebe. Es gibt aber vier Stufen der Liebe, sie führen vom Egoismuszu der mit der Gottesliebe verbundenen Nächstenliebe. In dieser höchstenForm der Liebe gipfelt die Ethik Sankt Bernhards. Seine religiöse Vor-stellungswelt konzentriert sich um den gekreuzigten Erlöser, er ist das Bildder Hoheit in der Erniedrigung. Die schwärmerische Innigkeit der Mystikwird im Symbol erfaßt: Christus ist der Bräutigam der Seele. Christus unddie minnende Seele ist das alte Kernmotiv der Mystik.
Gegenüber der auf das unmittelbare Leben wirkenden praktischen Frömmig-keit St. Bernhards steht die spekulative, in der dialektischen Methode mitder Scholastik verwandte Mystik Hugos von St. Victor (1097—1141).Charakteristisch für die Mystik ist eine stufenweise Vervollkommnung. Durchdrei Stadien'führt der Weg zur Erkenntnis Gottes: cogitatio (Vorstellungs-kraft des den Sinnen Zugänglichen), meditatio (begriffliches Denken), con-templatio (unmittelbare Anschauung). Es gibt drei Stufen der Frömmigkeit:
1150. Die wichtigsten sind: De imaginemundi, eine Darstellung des Weltbildes nachGeographie, Astronomie, Zeitrechnung undGeschichte; Summa totius de omnimodahistoria, eine kurze Chronik von Karl Martellbis auf Lothar; Elucidarium, eine Zusammen-fassung der Glaubensregeln (eine Summatheol.); Gemma animae, über die kirchlichenGebräuche, eineLiturgik; Speculum ecclesiae,eine Predigtsammlung als Hilfsbuch für Geist-liche; und exegetische Werke: Erklärung aus-gewählter Psalmen und des hohen Liedes. —Ueber ihn s. Ueberweg-Heinze, Grundr. 2 9 ,179; MSD. II 3 , Reg. S. 483; Kelle 2, 92—94.140 f. 158. 296 ff.; Jos. Bach, Dogmen-gesch. 2, 298—307; Hauck, Kirchgesch. 4,1.
2. Aufl. Reg. S. 1002 u. bes. S. 425 ff.;Scherer, ZföG. 19 (1868), 567—578 u. Kl.-Schr. 1, 607—617; Schröder, Anz. 7,178 ff.u. Anegenge S. 57 ff.; Cruel S. 128 ff.;Linsenmayer, Reg. S. 487 u. bes. S. 194 ff.;Kelle, Wiener SB. 145 (1902) Abh. 8, 150(1905) Abh. 3, 152 (1906) Abh. 2, 153 (1906)Abh. 5; Jos. Ant. Endres, Hon. Aug., Kemptenu.München 1906; V. d. Leyen, Dichtung u.bild. Kunst, SA. S. 14; Frz. Bäumker, DasInevitabile des Honor. Aug., Beitr. z. Gesch.d.Philos. d.MA.s 13. Bd. 6.H., 1915; Allg. d.Biographie 13, 74—78.
') Hierzu s. bes. Heiler, Das Gebet, anvielen Stellen.