Allgemeine Voraussetzungen. § 1.
Schrift beiseite schieben, während man die Werke der Heiden (d. i. der klassi-schen Literatur) nur lesen soll, um zu erkennen, was für ein Abstand istzwischen Licht und Finsternis, Wahrheit und Irrtum. 1 ) Die Beschäftigung mitden Alten soll also nur zum Dienste der heiligen Schrift betrieben werden,während Notker, am Abschluß der althochdeutschen Zeit, sein Lehrgebäudeauf Grund harmonischen Zusammenwirkens antiker und christlicher Wissen-schaft errichtete. Damit vertritt Williram die zweite von jenen beiden Rich-tungen, die sich im elften Jahrhundert etwa seit dem Beginn des zweitenDrittels schroff gegenüberstanden: auf der einen Seite die Dialektiker oderPhilosophen, die die sieben freien Künste in den Vordergrund der wissen-schaftlichen Betätigung stellten, auf der anderen die Theologen, die aus-schließlich nur die Beschäftigung mit den religiösen Schriften gelten ließen,also ein Gegensatz zwischen einer mehr weltlichen und einer rein geistlichenStrömung. Gegen Ende des elften Jahrhunderts wendeten sich alle Kräfteder geistlichen Richtung zu, jedoch in der Weise, daß sie die Dialektik alsMittel benutzten, um das Dogma zu erklären und dadurch zu befestigen.Das ist die Scholastik. Die deutschen Kirchenschriftsteller allerdings bliebenbis tief ins zwölfte Jahrhundert hinein einseitige Theologen, insofern sie diedialektischen Kunstgriffe bekämpften und nur die einfache Erklärung desDogmas, gestützt auf die Autorität, d. i. die Kirchenväter, pflegten. BesondersOtloh 2 ) kehrt als reiner Theologe die Gegnerschaft gegen die Dialektikerstark heraus (Dialogus de tribus quaestionibus, Prologus, Migne 146, 60). 3 )Er stellt die saecularis scientia, philosophia mundana, sophia mundana denlibri catholicorum, der lectio sancta, dem Studium sacrae lectionis gegen-über (DedoctrinaspiritualiCap.XI-XIII, Migne 146,270 A—D. 273 B.276 BC).Seine Feindschaft gegen die Wissenschaft spricht er unumwunden aus indem Verse: Quo, rogo, subvertit te tanta cupido sciendi (Migne aaO. 275 D).Der einflußreichste Vertreter dieser orthodoxen Partei war der Abt Wilhelmvon Hirsau (1069—1091), der von der Philosophie ausging, dann aber ein-seitig die praktische Religionsübung vertrat und das Haupt 'der Kloster-reformer wurde, hervorragend auch als Förderer der Kirchenmusik.
Die von der Scholastik aufgeworfenen wissenschaftlichen Probleme wieder Abendmahls- oder der Universalienstreit haben in die deutsche Literaturnicht eingegriffen, doch sind Leitsätze der führenden Scholastiker der Epoche,Anselms, Hugos v. S. Victor, Abälards, Petrus Lombardus', auch hier ein-gedrungen, sofern sie dogmatische oder praktische Bedeutung hatten. Diein der frühmhd. Literatur verarbeiteten theologischen Kenntnisse beruhenauf der Schulwissenschaft, wie sie Honorius Augustodunensis in seinenKompendien und Abhandlungen zum Gebrauche für die Geistlichen zusammen-gestellt hat. 4 )
') Prolog zum HLied, s. unten. 4 ) Uebersein Leben ist fast nichts bekannt.
-) LG. 1, Reg. S. 465 unt. Otloh. ! Gewisse Spuren führen nach Regensburg.
3 ) Scherer, Leben WilliramsS. 289 Anm. 2. Seine Schriften fallen in die Jahre 1110 bis