Einleitung.
Die Phantasie hat die Herrschaft, die Aufklärung ist die Dienerin derPhantasie. Darin liegt die Eigenart des mittelalterlichen Gemütslebens, indem unerschütterlichen Glauben an Gott, das höchste Gut, in der idealisieren-den Kraft, in dem himmelstrebenden Sehnen und dem seligen Sichversenkenin die Tiefen der Mystik. Es ist ein magischer, von den Banden des Stoffesbefreiender Idealismus.
Mit der Scholastik kam auch eine neue Bewegung in den Betrieb derWissenschaft. Wohl hatten schon vorher berühmte Lehrer der Schule, ander sie wirkten, einen besonderen Glanz verliehen, aber die individuelleBedeutung der Persönlichkeit kam jetzt viel mehr zur Geltung, wo die wissen-schaftlichen Streitfragen öffentlich behandelt wurden und die Gelehrten alsLehrer zugleich ihre eigenen Systeme vortrugen. Zu Lanfranc nach demKloster Bec in der Normandie, zu Abälard nach Paris strömten die studieren-den Kleriker von nah und fern. Es bildete sich ein freizügiger Studenten-stand aus, die Vaganten, die fahrenden Schüler, die, oft von den Mimenkaum zu unterscheiden, die Lande durchwanderten, in den Klöstern, beiPrälaten oder weltlichen Herren einkehrten und mehr auf der freien Straßezu sehen waren als in den Hörsälen. In dieser gegenüber der Traditionder älteren Klosterschulen freieren Form des Lehrens und Lernens liegt derAnfang zu den Universitäten.
Mit der neuen Geistesbewegung aber trat Frankreich an die Spitze deschristlichen Kulturlebens im Abendland. Von hier ging die neue Mönchs-bewegung aus, die durch Abtötung des Fleisches den Sieg des Geisteserstrebte und durch Weltentsagung die Weltherrschaft gewann. 1 ) Frank-reich ist die Heimat der neuen Wissenschaft, der Scholastik, 2 ) dorthinwandten sich auch diejenigen Gelehrten, die anderswoher stammten,wie Italiener und Deutsche. Frankreich ist aber endlich auch das Geburts-land der spezifisch mittelalterlichen Kunst, der gotischen Baukunst und derromantischen Poesie. Am Ende der althochdeutschen Zeit hatte Notker einedeutsche humanistische Wissenschaft begründet durch Vereinigung deutscherEigenart mit klassischer Bildung, eine lateinische Dichtung deutschen Geistesbegann zu entstehen mit dem Ruodlieb, aber es ist eine der tragischen Wen-dungen in der Geschichte des deutschen Volkes, daß in dem Moment, woes seine Eigenart auch auf geistigem Gebiete kräftig zu äußern begann, diestärkere romanische Kultur die frischen Keime heimischen Wuchses erstickte. 3 )
Die religiöse Spannung hat in Deutschland eine neue, die früh-mittel-hochdeutsche Literatur hervorgerufen. Der an ihrer Spitze steht, Williram,hat es ausgesprochen als ein Zukunftsprogramm: es gibt viele, die sich ge-nügen lassen an dem Studium der Grammatik und Dialektik und die heilige
J ) Harnack, Dogmengesch. 3 1 - 5 , 298 f.;Zöckler, Askese und Mönchtutn,2.Aufl. 1897;s. unten H. v. Melk.
2 ) Scholastiker sind ursprünglich die doc-tores scholastici, die Lehrer der Schumacher,
d. i. der sieben freien Künste in den Kloster-schulen. Der Name wurde dann besonders aufdie übertragen,die sich mitPhilosophie beschäf-tigten (Ueberweg-Heinze, Grundr.2°, 158 f.).3 ) ZfdPh. 36, 400.