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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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Allgemeine Voraussetzungen. § 1.

In der Zentralisation des Mönchtums unter dem einen strengen Gedankendes Gehorsams und der Weltentsagung durch die Bewegung, die von Clugnyausging, erstarkte die gesamte Kirche, sie wurde zu einer geschlossenenMacht und das noch langhin in der ersten Hälfte des elften Jahrhundertskraftlose Papsttum wurde fast plötzlich zur Spitze einer gewaltigen Hierarchie,der Gottesstaat auf Erden war befestigt und konnte bewußt den Kampf gegenden Weltstaat aufnehmen. Augustins Auffassung von der Weltgeschichte, 1 )die Gegenüberstellung der beiden Reiche, kam in ihrer strengsten Form zurHerrschaft: das Reich Gottes verlangte gänzliche Absonderung vom Reichder verachteten Welt, sein Geist ist Weltflucht, Askese ist die höchste Stufeder Gottesverehrung. 2 ) Nur eine im Innern mächtig pulsierende Gemüts-bewegung konnte solchen Umschwung bewirken. Es trat eine gemütserregteZeit ein, das religiöse Bedürfnis war mächtig gesteigert und diese innereEnergie schaffte große äußere Ergebnisse, sowohl auf dem politischen alsauf dem wissenschaftlichen Gebiet: dort ist es der Triumph des mönchischenGottesstaats über die Weltleute, des Papsttums über das Kaisertum, und alsFolgeerscheinung die geistliche Kriegsfahrt des Christentums gegen dasHeidentum in den Kreuzzügen, hier die neue christliche Wissenschaft, dieScholastik. In der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts beginnt das spezi-fische Mittelalter, jene Weltanschauung der Widersprüche.

Das Wunder soll nicht nur geglaubt, sondern vernunftgemäß bewiesenwerden, die Frömmigkeit soll nicht nur bloß Sache des Glaubens, sondernzugleich des verstandesmäßigen Urteilens sein. Indessen ist die Vernunft,die das Wunderbare erklären will, von der Realität eben dieses Wunder-baren schon von vornherein überzeugt. Somit dient die Vernunft a priorider Offenbarung, das Wissen dem Glauben, und die Beweise für die ver-nunftgemäße Einrichtung des Spirituellen werden mit den Sätzen der Logik,mit der dialektischen Methode geführt. Der Verstand soll das Übernatürliche,das Unbegreifliche begrifflich darstellen.

Und so lösen sich schließlich diese Widersprüche zwischen Vernunft undGlauben doch wieder in einer aprioristischen Einheit, denn es sind ja nichtgleichwertige Größen, der Glaube herrscht von vornherein und alle Spekulationdient schließlich dem Glauben. Der Glaube ist die Einheit.

*) Augustinus, De civitat'e Dei libri XXII;vgl. Ernst Bernheim, Politische Begriffe desMA.s im Lichte der Anschauungen Augustins,DZs. f. Geschichtswissensch. 1 (1897), 123.74; ders., Der Charakter Ottos v. Freisingund seiner Werke, Mitteil. d. Instituts f. österr.Geschichtsforsch. 6, 151; ders., Die augu-stinische Geschichtsanschauung in RuotgersBiographie des Erzbischofs Bruno von Köln,Zs. d. Savigny-StiftungKanon.Abt.2,299335;ders., Mittelalterl. Zeitanschauungen T. 1, 1918;s. ferner Ehrismann, Rudolfs v. Ems Welt-chron., Einl. S. V.

2 ) Ein häufiger Titel für asketische Schriftenund für die Verherrlichung des Mönchsidealsist 'De contemptu mundr' (saeculi). Zu denwichtigsten gehöreni.unsermZeitraum (11 Jh.)des Hermannus Contractus Carmen de cont.mundi (um 10441046), ZfdA. 13, 398 ff.,und des Petrus Damiani Apologeticum decontemptu saeculi und De fluxa mundi gloriaet saeculi despectatione (Migne 145,251291bezw. 807820, s. auch Kelle, LG. 2, 31.260). Vgl. auch A. Freybe, Das Mementomori in deutscher Sitte usw. 1909.

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