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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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Einleitung.

Die Glut der Frömmigkeit steigerte sich in der einmal von Sündenpeingequälten Menschheit zu leidenschaftlichem Erlösungsbedürfnis und den Wegzur Erringung der Gnade fand man in der äußersten Selbstverneinung. DieCluniacenser und Hirsauer Askese genügte dem Entweltlichungsdrang nichtmehr, war auch zum Teil schon schlaffer geworden. Neue Orden wurden indiesem Gefühl der Heiligung gegründet, die wohl immer noch der Regeldes heiligen Benedikt angehörten, aber neue, noch stärker auf Selbstabtötungzielende Gebote aufnahmen. Die Weltflucht wurde zur Tatsache. In ein-same Gegenden, in die Wüste, zogen sich diese Mönche zurück wie Johannesder Täufer, um ein von der Verführung der Welt unbedrängtes Leben zu führenund allein Gott zu dienen.

Der älteste und strengste dieser Orden war der der Karthäuser, 1 ) gestiftet1084 vom heiligen Bruno (geb. in Köln, f 1106) mit dem in einer wildenSchlucht bei Grenoble liegenden Kloster la Chartreuse. Ihr Leben war ständigeBußübung, eremitenartig schlössen sie sich in Einzelzellen ab, in völligemSchweigen verharrend. Das Ziel der Gedanken und deren dauernde Be-schäftigung ist der Tod, darum ist memento mori ihre Losung und auchihr Grußwort.

Von weitgreifen derer Bedeutung als die nur um ihr eigenes Seelenheilsorgenden Karthäuser wurde der Orden der Cistercienser. Ihr Stifter,der Burgundermönch Robert, entwich in eine Einöde bei Dijon (1098) undgründete das Kloster Citeaux. Jedoch suchten die Cistercienser, die sich alsselbständiger Orden von den Benediktinern trennten, besonders auch inDeutschland, am wirksamsten gefördert durch den Bischof Otto von Bamberg(Bischof 11031139), werktätiges Christentum zu üben. Die Wissenschaftverschmähten sie wie die Hirsauer, aber sie wirkten volkswirtschaftlich förderndin der Kultivierung des Bodens durch Ackerbau, Obst- und Weinzucht undgewannen mit ihren praktischen Bestrebungen zugleich einen starken er-ziehenden Einfluß auf das Volk. Ihre Frömmigkeit war milder und mensch-licher als die der Karthäuser, ein durch die Mystik verklärter Wunderglaubemit dem schönsten Wunder, der holdseligen Erscheinung der Mutter Gottes.Hier wurzelte jene ausgeprägte Form der schwärmerischen Marien- undFrauenverehrung des Mittelalters. Ihren höchsten Ausdruck .fand diese mäch-tige Glaubensinnigkeit in dem Werke und dem Wirken des heiligen Bernhard,der im Jahr 1113 in den Orden eintrat.

Auch unter den Stiftgeistlichen, den Kanonikern, entstand ein neuer,stärker mönchisch geregelter Orden, die Prämonstratenser, gegründet 1120in Premontre bei Laon von Norbert, einem fränkischen Geistlichen ausXanten. Er wurde 1126 Erzbischof in Magdeburg, von da aus verbreitetesich der Orden besonders nach Niedersachsen und den wendischen Gegenden.Auch bei den Prämonstratensern stand das Idealbild der gebenedeiten Jung-frau und Gottesmutter im Mittelpunkt des Gottesdienstes.

') Kelle 2, 7075. 283286.