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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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XII
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XII . Vorwort

kunft der Seele, muß die Gesamtgefühlslage eine sehr erregte, das religiöseEinzelerlebnis also ein ungemein affektreiches gewesen sein.

Die das Seelenleben der Periode beherrschenden geistesgeschicht-lichen Bedingungen sind also das traditionell gebundene Denken desMittelalters (die weitere Bedingung) und die cluniacensische Zeitbewegung(die engere Bedingung). Die cluniacensische Idee ist nur eine Verschärfungund Vereinseitigung der christlichen Tradition. Der Inhalt beider, der Tra-dition und des Zeitbewußtseins, ist die christliche Weltanschauung.Alle geistlichen Schöpfungen des Mittelalters sind nur Einzelformen dieserallumfassenden theologisch-kosmischen Idee, des christlichen Dualismus,des Zwiespalts zwischen Welt und Gott, des weltgeschichtlichen Dramasmit den drei Akten Paradies, Sündenfall und Welt, Erlösung. Die ganzegeistliche Literatur des Mittelalters ist eine Verbildlichung der Heilsidee undso vereinigen sich alle diese analytischen Formen, die mittelalterlichen reli-giösen Auswirkungen jeglicher Kunst, der Poesie, Musik, Architektur, Skulp-tur in die letzte Synthese: Gott ist das höchste Gut. Dieses ist der mittelalter-liche Formwille, der Stil, der gesetzmäßige Ausdruck dieser einheitlichenWeltanschauung. Die Gegenwart hat keinen Stil, sondern nur verschiedeneModen, weil sie keine einheitliche Grundanschauung über den Sinn undWert des Daseins hat.

Der christliche Glaube ist Erlösungsreligion. Eine solche vollziehtsich in drei Stufen: Einheit mit Gott, Trennung von Gott, Wiedervereini-gung mit ihm. Erlösung ist Wiederherstellung der Einheit zwischen Menschund Gott, aus der Einzelheit zur Einheit, vom Individuum zum All. DerGrund zur Vereinzelung, zur Trennung und damit der Ursprung des Er-lösungsbedürfnisses ist die Sünde. Die Sünde ist das Übel, darum lautetdie siebente und letzte Bitte des Vaterunsers: und erlöse uns von dem Übel.Die Sünde, das Übel trennt uns von Gott. Das größte Elend des Menschenist, Gott fremd zu sein, das größte Glück ist, Gott anhangen, Deo adhaerere(Augustinus). Wodurch wird die Einheit wiederhergestellt? durch denGlauben, der Glaube kommt aber nicht aus eigenem Verdienst, sondern isteine Wirkung der Gnade, wird also durch einen magischen Akt Gottes inuns erweckt. Von der Sünde geht der Weg durch die Gnade zum Heil.Worin besteht das Böse? in der Sinnlichkeit, in den Begierden, im Körper,in der Welt. Darum mache dich los vom Leib, dem Lustgehäus der Leiden-schaften, fliehe die Welt, die Herberge der Scheinfreuden.

Nach zwei Richtungen aber kann der Mensch den Blick lenken aufseiner irdischen Reise nach dem himmlischen Ziel: rückwärts auf die ver-wünschte Welt, von der er loskommen will, die ihn von Gott trennt, dasist die Weltverachtung, und die Stimmung der Seele ist pessimistisch; oder