Vorwort XI
Ausdruck dieser Askese ist das Memento mori. Literarisch sehr regsamwaren die bairisch-österreichischen Klöster, so geht Innerösterreich voranmit der alttestamentlichen Erzählungsdichtung. Auch die Rheinlande liefertenihren Beitrag, Thüringen ist an der Literatur der Zeit nur wenig beteiligt,das sächsisch-niederdeutsche Sprachgebiet scheidet ganz aus.
Aber eine ganz neue Strömung kam vom Rheine her, die Spielmanns-dichtung. Auch hier sind die historischen Kausalzusammenhänge deutlich:immer empfangen diese Gegenden zum ersten den Anstoß der benach-barten französischen Kultur.
Die Tradition beherrscht das christliche Bewußtsein, sie ist die charak-teristische Anschauungsart, in welcher der mittelalterliche Mensch die Ge-danken über Gott und die Welt erfaßt, theologisch ausgedrückt: die dog-matische Denkweise. Von dem Gesamtgeist ist der Einzelne abhängig, ersteht ihm nicht gegenüber, er geht in ihm auf. Er ist nicht Individuum,sondern ein Glied der Masse. Der Autoritätsglaube hemmt die Eigen-entfaltung. Aber er empfindet diese Entselbstung nicht als eine Beschrän-kung, er weiß nicht anders, der Eigenwille reagiert nicht, er agiert selbstunbewußt mit. Es fehlt das Individuationsgefühl, es ist eine Kirche, einTypus, eine Gattung.
Aber doch ist jede Menschenseele ein eigen Ding und keine gleichtvöllig der andern. Ist auch das geistige Glaubensleben in dieser Zeit unter-schiedslos, so ist doch das Erleben dieses Geisteslebens beim einzelnenMenschen verschieden, je nach der Empfänglichkeit des Gemüts. Und daauch die Fähigkeit, diesem Erleben Ausdruck zu geben, bei dem einengrößer, dem andern geringer ist, so erheben sich aus dem typischen Unter-grund, wenn auch zuweilen nur undeutlich, lauter einzelne Abwandlungen,und es ist die Aufgabe der mhd. Literaturwissenschaft, die subjektiven Unter-scheidungsmomente dieser Einzelerscheinungen aufzudecken. Aber in dieTiefen des individuellen Seelenlebens können wir nicht vordringen, es läßtsich bis zu einem gewissen Grade wohl eine literarische, aber nicht dievolle menschliche Persönlichkeit aufbauen. Die frühmhd. Literatur ist alsozum größten Teil, abgesehen vom weltlichen Epos, typische Religions-dichtung, und diese Dichter wissen nur das religiöse Massenleben aus-zusprechen, nicht aber ein in ihnen selbst entstandenes persönliches Er-lebnis. Was sie in sich aufnehmen, ist aber doch nacherlebt, ist für siedoch erlebte Wirklichkeit. Auch das Märchenhafte, die wie ein Kinder-paradies glänzende Herrlichkeit der himmlischen Stadt, ist geglaubte Wirk-lichkeit. Der Gefühlsgehalt dieser übersinnlichen Erlebnisse kann je nachder Veranlagung des Individuums stark oder schwach sein, aber in dieserZeit der ungeheuren Steigerung des Innenlebens, in der Angst um die Zu-