X Vorwort
erfüllen: der Weltheros Alexander wird zu einem romantischen Fürstenidealumgedeutet und Anfang und Schluß der Reckenbiographie ist Weltentsagung.Das Idealbild aber eines Ritters, wie es die Kirche aufstellt und dem Adelvorhält, ist der christliche Ritter, sind Karl der Große und seine Paladine.Eine bedeutungsvolle Wandlung in der Technik bewirken diese erstengrößeren Epen der Geistlichen: ihrem Vorgang folgen die Spielleute, sieerweitern das epische Lied zum umfangreichen Epos und es entsteht dermehr oder weniger höfisch stilisierte weltliche Spielmannsroman. Aber selbstdieser zeigt noch, wie stark das Laientum unter der Macht der kirchlichenIdee stand, denn die Tendenz ist hier zum Teil überhaupt noch legenden-haft-religiös (Oswald, Orendel) oder es sind doch geistliche Lichter oderLichtchen aufgetragen (König Rother, Salman).
Damit ist auch das Stoffgebiet der frühmhd. Literatur umrissen. Wieim Ahd. herrscht der geistliche Kreis weit vor, dazu ist eine neue Formder Spielmannsdichtung getreten, aber schmerzlich zu beklagen ist der Ver-lust des alten epischen Liedes. Die Lyrik ist beschränkt auf das Marien-lied, das deutsche Drama entwickelt sich aus den lateinischen Spielen erstim folgenden Zeitraum. Weltliche lehrhafte Dichtung steht vereinzelt (Meri-garto), außer Zusammenhang; von der gewiß umfangreicheren praktisch-medizinischen Prosa ist nicht eben viel erhalten.
Immer aber ist zu berücksichtigen, daß das literarische Leben des deut-schen Mittelalters sich nicht in der deutschen Sprache erschöpft, jedochfällt die lateinische Literatur dieser Zeit außerhalb des Rahmens einerGeschichte des mhd. Schrifttums. Sie hat ihre eigenen Zusammenhänge,ihre eigenen historischen und ästhetischen Gesetze. Einige bedeutend indie Geschichte der deutschen Dichtung eingreifende Bewegungen der lateini-schen Literatur werden den folgenden Abschnitt der LG. beschäftigen.
Geographisch, landschaftlich, richtet sich die Verbreitung der frühmhd.geistlichen Denkmäler ebenfalls nach der umwälzenden kirchlichen Neuerung,der cluniacensischen Reform. Nicht gab es mehr wie in der ahd. Missions-zeit große geistige Mittelpunkte wie Fulda, St. Gallen, Reich'enau, von denenAntriebe zum kulturellen Leben ausgingen, sondern die Regelung desKlosterlebens und die neuen Mönchsorden verbreiteten sich über ganzDeutschland und in Verbindung damit auch die literarischen Erzeugnisse,so daß diese geistliche Literatur keinen ausgesprochen landschaftlichenCharakter annahm (wie denn auch die einzelnen Gedichte der großenSammelhandschriften verschiedenen Gegenden angehören). In Bambergwirkte ein kräftiger Kirchenfürst für die Einführung der Reform, so ent-stand dort das erste Lied der neu erweckten Frömmigkeit, Ezzos Gesang.Am eifrigsten wurde die neue Verschärfung in Alemannien durchgeführt, ein