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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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IX
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Vorwort IX

dichtung, jene ein Abbild der neuen Geschlossenheit und Macht der Kirche,diese ein Einzelerlebnis der durch den heil. Bernhard erweckten Gemüts-vertiefung.

Die geistliche Literatur der ahd. und frühmhd. Zeit war durchaus eineWiederholung, zum großen Teil unmittelbare Übertragung der lateinischen, undauch die frei abgefaßten Werke bezogen aus ihr ihre Gedanken bis insEinzelne in unmittelbarer Nachahmung. Mit den großen Epen der Geist-lichen, dem Alexanderlied und Rolandslied, greift dann zum erstenmal derfranzösische Einfluß als geschichtliche Triebkraft entscheidend in die Ge-schicke der deutschen Literatur ein und bestimmt dann gegen Ende desJahrhunderts ihre Grundrichtnng, indem sie in der höfischen Kultur demganzen deutschen Geistesleben das hochmittelalterlich-romantische Ge-präge verleiht.

Auf der Gesetzmäßigkeit der historischen Idee beruht der Sinnder frühmhd. Literatur und aus ihr heraus ist die Bedeutung der einzelnenDenkmäler zu erklären. Und diese Idee war eine religiöse, die kirchlichenGedankennormen gaben der Zeit die Richtung, nicht die staatlich-politischen,darum ist die Entwicklung der Literatur auch nicht beeinflußt durch dieRegenten des Reiches, durch die Kaiser von Heinrich IV. bis auf Konrad III.Im Wirbel der ganzen Zeitströmung aber erheben sich die Kreuzzüge.Nach ihnen ist die Geschichte und damit auch die Literaturgeschichte derPeriode orientiert. In den ersten Jahrzehnten, bis in das erste Drittel des12. Jahrhunderts, ist sie rein geistlich. Sie stellt sich die Aufgabe, die neueLehre von Clugny, die asketische, einzuführen und arbeitet mit dem herr-schenden Zeitzweck daran, das Gemütsleben zur Weltverachtung zu be-stimmen. Mit den Kreuzzügen wurden die Laien, das Rittertum, in denDienst der herrschenden Kirchenidee gezogen, aber eben dadurch gewanndieser Stand eine starke sittliche Weltaufgabe und damit ein gesteigertesGewicht. Sein individuelles Selbstgefühl wuchs, er wurde aus einem bloßenMaterial ein geistiger Faktor in der Weltpolitik. Die Erweiterung des kos-mischen Gesichtsfeldes und der erzieherische Umgang mit den kulturellvorgeschrittenen Orientalen hoben ihn auf eine höhere Bildungsstufe. An-sätze zu feineren Formen sind bemerkbar, aus dem heimsässigen Bauern-adel wird ein internationales Rittertum. Und nun ist es wiederum lehrreich,zu beobachten, wie organisch aus der Zeitgeschichte heraus sich die Literaturentfaltet: aus der Kreuzzugsidee entsteht eine ritterlich-weltliche Literatur,aber, wiederum bezeichnend, nicht der künstlerisch noch unfähige Adel,auch nicht der an alten Stoffen und alter Weise haftende Spielmann, sonderndie Geistlichen tun den ersten Schritt dazu, in besonderer Absicht, die An-schauungen des aufsteigenden Ritterstandes mit ihren kirchlichen Ideen zu