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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
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VIII
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VIII Vorwort

kirchliche Bildungsbewegung mußte noch einseitig rein elementar gerichtetsein auf die Belehrung des christlich zu erziehenden Volkes, andrerseitsgalt es, eine nationale religiöse Dichtung zu schaffen (Heliand, Otfrid).Im Frühmhd. aber wurde der Fortschritt von der Elementarlehre zur Dogmen-lehre, vom Religionsunterricht zur Theologie gemacht, und zu der auf dieGesamtheit der Gläubigen berechneten religiösen Dichtung trat die ritter-lich-religiöse Standesdichtung (Rolandslied).

Die Probleme der frühmhd. Literaturgeschichte sind durchsichtig, dennsie beruht in einer organischen Entwicklung: sie ist ein unmittelbarerkultureller Ausdruck der Zeitgeschichte. Diese aber ist bestimmt durch denKampf zwischen Kaisertum und Papsttum. Letzteres, politisch weit er-fahrener und geschulter, kämpfte mit geistigen Waffen und sein Rüstzeugwar die Gemütsmacht der Religion. Noch beherrschten, wie in ahd. Zeit,die Geistlichen das deutsche Schrifttum, die volkstümliche Laiendichtunghatte noch keinen Zugang, und während die religiösen Erzeugnisse durchdie Klöster über das ganze hochdeutsche Sprachgebiet verbreitet wurden,blieb die Volksdichtung beschränkt auf die Spielleute, durch die sie meistmündlich oder in nur flüchtig skizzierten Texten, Hilfsmitteln für das Ge-dächtnis, weitergegeben wurde. Von wirklich im Volke lebenden oder ge-sungenen Liedern haben wir gar keine Kenntnis, aber um die Mitte deszwölften Jahrhunderts kam, jetzt zum ersten Mal, eine auch schriftlichweitergepflegte weltliche Literatur von weltlichen Dichtern auf, die Spiel-mannsepik, als der Vorlauf der bald zur reichsten Blüte gelangenden mhd.Heldendichtung. .

Die herrschende Literatur der Zeit, die geistliche, ist also eine Aus-strahlung der maßgebenden Zeitgewalt und Zeitidee, der Hierarchie. Gleich-laufend mit dem kulturhistorischen Werdegang dieser Epoche bewegt sichdie frühmhd. Literaturgeschichte. Die Entwicklung erfüllt sich geradezu mithistorischer Gesetzmäßigkeit (d. h. nach Kausalgesetzen, nicht mit natur-geschichtlicher Gesetzmäßigkeit bezw. nach Naturgesetzen in positivistischemSinn). Durch diese ebenmäßige Struktur unterscheidet sich die frühmhd.Literaturperiode von der ahd. Dort war die Entwicklung nicht zusammen-hängend, sondern sprunghaft. Sie ging zwar ebenso Hand in Hand mitden geschichtlichen Wandlungen, aber diese selbst nahmen einen auf- undabsteigenden, keinen geradlinigen Verlauf.

Auch innerhalb der frühmhd. Zeit selbst bewegt sie sich auf den durchdie geschichtlichen Bedingungen gegebenen Bahnen. Am Anfang und Ab-schluß der geistlichen Literatur stehen die beiden Bearbeitungen des HohenLiedes, jede in einer andern, in ihrer Zeit'wurzelnden Anschauung: dortdie dogmatische Heilslehre Willirams, hier die Mystik der S. Trudperter Um-