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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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VII
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Vorwort VII

die ästhetische Betrachtung dagegen bewertet diese drei Beobachtungs-gruppen nach ihrem künstlerischen Gehalt. b. Die innere Form, diebesondere Art und Weise, wie ein Dichter seinen Stoff auffaßt. Er kannihn sachlich begreifen (objektive Anschauung) oder er kann seine eigeneStellungnahme zum Stoff mitwirken lassen (subjektive Ansch.): realistischoder idealistisch, naturalistisch oder idealisierend, charakteristisch (ins Detailmalend) oder typisch (die großen Gattungszüge), naiv oder sentimentalisch,humoristisch oder elegisch, komisch oder tragisch. Hierher gehören auchdie Fragen nach der Folgerichtigkeit, Anschaulichkeit, Lebendigkeit undTiefe des seelischen Geschehens, Bedeutsamkeit. Die Poetik behandelt fernerdie Gattungen der Dichtkunst und gibt endlich Anleitung zum künstlerischenVerständnis eines Werkes, zu seiner Erklärung.

V. Die ethische und metaphysische Einstellung sucht den sittlichenund den Ideengehalt des Werkes zu ergründen. Der Dichter will mit denethischen Zielen den Sinn des Lebens erschließen, der metaphysische Flugträgt ihn zu den obersten Mächten, zu_ Gott und dem ewigen Gesetz, zurreinen Form. Damit ist sein Werk Ideendichtung geworden.

Für eine gleichmäßige und umfassende Lösung der hierher gehörendenProbleme ist der Stoff der ad. Literatur nicht mannigfaltig und reichhaltiggenug, das überlieferte Material ist für eine ausgiebige Untersuchung derhistorischen, psychologischen und ästhetischen Zusammenhänge zu gering.So fällt der größte Teil der Arbeit der philologischen Einstellung zu. Aberdie ad. Literatur ist ein unmittelbarer und naturgemäßer Ausdruck ihrer Zeitund des Volksbewußtseins, sie ist ganz durchdrungen von den sittlichenForderungen und den großen, zum Ewigen führenden Ideen: darum er-öffnen die ethischen und metaphysischen Betrachtungen ein weites Feldbedeutungsvoller Ergebnisse, und darin beruht der hohe geistesgeschicht-liche Wert auch dieser Periode der deutschen Literatur. Sie verbinden Mittel-alter und neuere Zeit, denn die sittlichen Gesetze der Religion sind ewigeNormen, und in veränderten Formen kehrt der ethische Idealismus wiederbei Kant und Fichte, Schelling und Schopenhauer, bei Schiller und Goethe.

Der Aufbau der ahd. und frühmhd. Literaturgeschichte stellt sich inklaren Umrissen dar, die Wirkungszusammenhänge bewegen sich ineinfachen Linien, erst in der mhd. Zeit werden die ineinander spielendengeistigen Kräfte mannigfaltiger und verwickelter. Dabei besteht ein wesent-licher Unterschied zwischen der geistlichen Literatur der ahd. und der früh-mhd. Zeit. Haben sie auch das gleiche Ziel die christliche Lehre zuverbreiten und im Volke zu fördern, so sind doch die Wege, zufolgeder politischen und kulturellen Grundbedingungen, verschieden. Die ahd.