VI
Vorwort
I. Die philologische Einstellung ist gerichtet auf das Tatsachenmaterialdes Textes: 1. die Handschriften, kritische Herstellung des Textes, Erklärungeinzelner Stellen; 2. die Sprache, die Mundart, zugleich zur Bestimmungder Heimat des Verfassers und der Zeit der Abfassung; 3. Sprachgebrauch:Syntax, Wortschatz, Stil; 4. die poetische Form: Metrik, Rhythmik undMelodik, Vortragsweise; 5. Inhaltsübersicht, Komposition; 6. Lebensgangund Kenntnisse des Verfassers; 7. Entstehung des Werkes, äußere Veran-lassung, Besteller oder eigenes Erlebnis, Entwicklung des Werkes, Arbeits-weise, ältere und jüngere Bestandteile, Interpolationen; 8. Quellen des Stoffes,Parallelmotive, Nachwirkung.
IL Die historische Einstellung bringt den Verfasser in Beziehung zuseiner Zeit und seiner Umgebung (Milieu), versteht ihn als Kind seinerZeit und seines Landes und reiht sein Werk ein in den Gesamtgang derLiteraturgeschichte. Die philologische Methode richtet ihr Augenmerk mehrauf die Einzelheiten, das Detail, die historische auf den Zusammenhangder Dinge, der Kulturverhältnisse,') jene verfährt mehr analytisch, diesemehr synthetisch. Beide haben das gemeinsam, daß sie ihren Gegenstandin seiner historischen Gegebenheit erklären, die drei folgenden Betrachtungs-weisen suchen die immanenten geistigen Bedingungen zu verstehen. Essind die drei philosophischen Einstellungen.
III. Die psychologische Einstellung dringt ein in die seelischenGrundbedingungen im schaffenden Künstler, Phantasie und Gefühl als diedichterischen Kräfte. Die psychol. Erklärung bildet die Grundlage für dasVerständnis des Dichters und die geistige Entstehung seines Werkes (dasErlebnis).
IV. Die ästhetische Einstellung beobachtet die künstlerischen Formenund deren Gesetze. Die ästhet. Erklärung ist Kunstlehre, Poetik. Ihre Form-gebiete sind: a. Die äußere Form. 1. Der Stil als Kunstsprache, die Poesieals Wortkunst, Stilistik; 2. die Metrik in ihrer künstlerischen Wirkung aufdas Gefühl (das Ethos des Rhythmus, der musikalische und akustische Ein-druck des Reims, der Alliteration, Klangfarbe und Lautsymbolik); 3. dieMaßverhältnisse der Komposition (der künstlerische Aufbau, die Architek-tonik, Einheit in der Mannigfaltigkeit, Harmonie oder Formlosigkeit). DerPhilologe beschreibt die Elemente des sprachlichen Ausdrucks (Grammatik,Syntax, Wortschatz), die Technik von Rhythmus und Reim, des Aufbaus,
Petersen, Literaturgesch. u. Philologie, eben-da 625—640, Der Aufbau der Literaturgesch.,ebenda Vl(1914),l —16.129—152, zusammen:Literaturgesch. als Wissensch., 1914; PaulMerker, Neue Aufgaben der deutschenLiteraturgesch., 1921; Emil Ermatinger, Das
dichterische Kunstwerk, 1921.
*) Kuno Francke, Die Kulturwerte derdeutschen Lit. in ihrer geschichtl. Entwick-lung, I. Bd. Die Kulturwerte der deutschenLit. des MA.s.