Philosophische und Politische BeschreibungDie IV. Frage.Von noch andern und gantz sonderlichen Eigenschafftender Flüsse.ALles Wasser / und eine jede Feuchtigkeit / so frey und ungehindert fliessen kan /lauffen und begeben sich natürlicher Weise nach niedrigen Orten. Die Ur-sach ist / weilen die niedrige Ort dem Centro und Mittel=Punct der schweren Din-gen am nechsten seynd: daß demnach das Wasser entweder stehet oder fliesset / solches kommtvon des Orts Lager, und des Wassers Stand her: dann an einem abhängigen Ort fliesset esund auf der ebne bleibt es stehen; also das selbiges/ wann es gleich bißweilen durch die Windeinen wiedrigen Lauff nimmet / alsdann nicht frey fortrinnet / sondern mit Gewalt getrieben wird.Dahero fliessen alle Ströhme in einer abhängigen Ebene; gestalten / so der Rinnsaal nicht ab-hängig wäre / so könte man keine Ursach beybringen / warum das Wasser vielmehr hieher, danndorthin lauffen solte. Damit nun das Wasser fliesse / so wird allzeit ein Gehäng eines gewissenSpatii oder Weite darzu erfordert: oder wie man in Schulen redet; der Ort woher muß noth-wendig höher seyn / als der Ort wohin.Hieraus aber ist zu schliessen / Erstlichen: Daß der natürliche und sichtliche Lauff derWasser von einem Ort zum andern / nach Beschaffenheit des Spatii oder der Weite auch ein ge-wisses Gehäng haben wolle, welches zum wenigsten so viel wurcke, daß solcher Lauff geschehenkönne: dahero wann ein stehendes Wasser fliessen / oder eine Wasserleitung ein Meil=Wegsdn Ort all:weit geführt werden solle; so hat man diese letztere also anzuordnen, daß der Ort wohin we-nigstens um vier Zoll / deren 12. einen Schuh ausmachen / niedriger und dem Centro oder Mit-tel=Punct der Erden näher seye, dann der Ort woher, und solcher gestalten müssen ebenfallsbey der andern Meil vier Zoll abgezogen werden. Zweytens: Daß ein fliessendes Wasser / wiedie Erfahrung auch bezeugt / natürlicher Weiß nicht gegen einem höhern Ort / als ihr Uhrsprungist über sich steige; sie habe hernach gleich am fliessen eine Hinderung oder nicht: Deßwegendann die Oberfläche des Meers niedriger / als der Flüsse die ihrige ist. Doch ist dabey zu mer-cken; daß nicht ein jeder Rinnsaal nothwendig allenthalben zum Ablauff des Wassers ein Ge-häng haben müsse: dann es kan auch wohl seyn, daß selbiges Theils wegen des Gewalts / denes sobalden im ersten Auslauff gewonnen; und theils weilen immer ein neues Wasser nach-folget und das vorige fortflösset / nichts destominder auf einer geraden Ebene fortrinnen möge.§. 2. Die fliessende Wasser lauffen geschwinder in ihrer Oberfläche / als auffmBoden; dahero seynd sie auch leichter. Und dieses lasset sich wahrnehmen an denen Dingen,so man anderwertshin bringen will, dafern es kein widriger Wind verhindert. Solches ge-schiehet aber darum / weilen das leichte Wasser sich im obern Theil befindet) und oben schwim-met; auch allda von keiner Schwere getruckt wird, gleichwie das Wasser, so auf dem Bodenfliesset; als welches von dem obern beschweret ist: das Mittlere aber laufft in der Mitte, undbekommt eine mittlere Bewegung; hergegen das unterste wird mit einem grössern Gewalt be-wegt / und deßwegen reist es Steine und Sand mit sich fort; weilen es von einer grössernSchwere getruckt ist. Je tieffer nun selbiges ist / je gewaltiger ist es auch / und bewegt sich zwarwegen der obern Last langsamer / wirfft aber alles was ihme vorkomt mit desto grösserer Stär-cke uͤbern Hauffen.Fragt sichs: Warum die Schiffe auf den tieffen Flüssen geschwinder fortgehen? Ant-wort: Die gantze Ursach dieses geschwinden Lauffs kommt daher / daß die Oberfläche nach demOrt / wohin / lauffenden Wassers sich erhöhet: je tieffer aber der Rinnsaal ist / je höher wird dieWasser-Oberfläche seyn. Ingleichem gehen die Schiffe auch geschwinder auf einem süssenWasser; weilen ein Wasser, so nicht dick ist, dem durchfahrenden Schiff leichtlich weichet; Sorinnet ebenfalls das Fluß=Wasser an den Gestaden und Uffern viel langsamer / als in der Mitteweilen die Uffer gemeiniglich ausgespühlt seynd / und krumme Räncke haben / wodurch dasWasser am Lauff gehindert wird.§. 3. Alle Wasser sind / nach des Aristotelis Gezeugnus / nicht nur in den Flüssensondern auch in Quellen und Bronnen leicht / und schwimmen oben; da hergegen die un-terste schwer seyn / und setzen sich auf den Boden. Dann das Gantze verhält sich wie dieTheile / und diese wie jenes; gestalten das schwere zu Boden sincket; und was leicht ist / obenschwimmet. Wann man demnach wahrnimet / daß es Flüsse abgibet / die über andere / als der Ti-taresus uͤber den Peneus, und der Boristhenes über den Hypan hinlauffen; so ruͤhret solches da-her / daß der eine schwer / und der andere leicht; oder auch der eine öhlichter ist / dann der andere.
Druckschrift
Meteorologia philosophico-politica : Das ist: Philosophische und Politische Beschreib- und Erklärung der Meteorischen/ oder in der obern Lufft erzeugten Dinge; In Zwölff zerschiednen Aus Meteorologischen Fragen/ und Politischen Schluß-Reden bestehenden; wie auch mit zugleich untermischten schönen Sinn-Bildern gezierten Abtheilungen ... Anjetzo ... aus dem Lateinischen in das Teutsche übersetzt
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