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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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770 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

Gefahr einen Ausweg zu zeigen, auf daß sie das ewige Leben gewönnen.Die Muse berichtet, daß sie auch von Hermann gebeten worden sei, ihnenin rhythmischen Gedichten den Weg des Heils zu zeigen. Sie sei aber jetztdurch das jambische Gedicht erschöpft und wolle sich ein wenig erholenum dann mit geändertem Rhythmus ihrem Wunsche nachzukommen. Damitschließt das Gedicht.

Ich glaube nun allerdings nicht, daß auf die Worte rithmicis . . . odis(1712 f.) sehr viel Gewicht zu legen und daran zu denken ist, daß derzweite Teil etwa nur aus Rhythmen bestanden habe. Das schließt schondas bei Udalrich von Bamberg überlieferte Distichon x ) aus. Vielmehr wirdauch hier an Polymetrie wie im ersten Teile zu denken sein, doch so viel-leicht, daß nach kurzer Einleitung das eigentliche Gedicht De virtutibuserfolgte, das dann durch einen Epilog geschlossen wurde, an dem Hermannund die Nonnen teilnahmen. Das Gedicht De vitiis besteht aus zwanziggrößeren oder kleineren Teilen, deren jeder in einem anderen Metrum ge-dichtet ist. Das Hauptvorbild für diese Polymetrie lieferte Boethius, aberauch Horaz ist z. B. für den lonicus a minore im 16. Metrum benutzt. DieseVielseitigkeit bezeugt, daß Hermann gründliche metrische Studien gemachthatte, und er weiß die einzelnen Versarten auch frei zu gebrauchen, indemer mancherlei Abwechslungen zuläßt. 2 ) Übrigens steht beim Eintritt einesjeden neuen Versmaßes dessen Namen und Zusammensetzung mit den zu-lässigen Freiheiten am Rande vermerkt, wie auch die Abschnitte des Haupt-teils De contemptu mundi ihre Überschriften empfangen. Beides geht sicherauf Hermann selbst zurück, der dadurch den Leser über Versmaß und In-halt unterrichten wollte. Dieser Gebrauch ist nicht so selten gewesen, wiedie Gedichte Wandalberts erweisen, und die metrischen Anweisungen gehenin der Hauptsache auf die Bearbeitung der Boethiusmetra durch Lupuszurück. Einiges Seltsame weist die Form auf: namentlich gern gebrauchtHermann Archaismen, und es finden sich mehrere seltene Diminutive undauch sonst ungewöhnliche Worte. Griechisches findet sich zwar oft, abereine solche Form wie Vs. 537 chüe für yjfaoi erweist ohne weiteres, daßHermann diese Sprache nicht verstand; hingegen sind an drei Stellendeutsche Worte gebraucht. Sehr merkwürdig berührt es aber, daß Hermannseine antiken Metra mit durchgehendem Reim ausgestattet hat, so daß sichseine Verse hierdurch den volkstümlichen Rhythmen nähern. Und zwar hater in den längeren Maßen den Reim der beiden Ver'shälften angewendet,,während sich bei der kürzeren den Endreim zeigt, der an manchen Stellentiradenförmig auftritt. Hiatus ist fast stets vermieden und die Elisionwird meist richtig angewendet. Trotzdem die Bibel natürlich öfters benutztwird, geschieht ihrer nur an einer Stelle Erwähnung; sonst wird Terenz,Vergil und Horaz verwertet. Die Sprache ist übrigens meist klar und ver-ständlich und zeigt nicht geringe Schulung im poetischen Ausdruck. Ver-

J ) Jaf f e, Bibl. rerum Germanicarum 5,38Hermannus Contractu.? in libro de virtutibus;Si non sufficiant tibi res, tu suffice rebus:Sufficiens fueris nil cupiendo magis. Vgl. auchEccard, Corp. hist. med. aevi 2,6 N. XIX.

2 ) Zuweilen wird das Versmaß sehr freigehandhabt, wie Vs. 375411, wo die vierVersfüße sowohl Spondeus wie Anapäst wie*Daktylus sein können.