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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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712 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

liehen Kapelle unterziehen, denn er spricht, wie oben erwähnt, von seinerkünftigen Rückkehr von der Kapelle. l ) Als er nach Deutschland kam, wid-mete er Kaiser Heinrich III. sein Werk mit einem Briefe, in dem er zunächstüber die Pflicht des Kaisers spricht, das Gesetz kennen zu lernen; er ver-gleicht sich dann mit Vergil, der sich dem Augustus durch ein Werkempfahl, um sich dann an die große Aeneis zu machen. Hierauf versprichter ein Werk über die Ruhmestaten des Kaisers zu schreiben und gedenktdann der großen Taten Heinrichs im Kriege wie im Frieden und deckt dieBedeutung seines gegenwärtigen Werkes mit dem Ruhm seiner Lehrer Drogo,Aldeprand und Sichelm, von denen namentlich der letzte hochgepriesenwird. So möge der Kaiser sein Werk annehmen und Gallien und Ale-mannien möge es nicht ablehnen. Schließlich stellte Anselm der Schriftnoch ein Gedicht von 22 Hexametern voran, worin er von seiner ReiseFruttuaria, Parma, Piacenza und Lucea hervorhebt und auf die deutschenStädte Basel, Augsburg, Bamberg und Mainz, das Diadem des Reiches, zusprechen kommt, die sämtlich seinem Werke die gebührende Anerkennungzuteil werden ließen. So hatte er den Rat seines Lehrers Drogo befolgt,die Retorimachia in allen den Städten, die er berührte, mit Drogos appro-bierendem Briefe aufzuzeigen, und nach seiner Aussage war er gewisser-maßen wie im Triumphzuge durch Deutschland geeilt, um seine Stelle alskaiserlicher Kapellan anzutreten. Hierüber schreibt er nämlich in stolzemSelbstbewußtsein an Drogo und macht ihm Mitteilung, daß man in Mainzdie Drogonica seeta und überhaupt die italienische Wissenschaft nur mitNeid empfangen und daß er erst spät dort Lob erlangt habe. Als man sichnämlich in Mainz über sein Werk ausschwieg, habe er endlich darum ge-beten, es zu loben oder zu tadeln. Darauf sei man nicht eingegangen unddaher habe er es zu einer Disputation 2 ) darüber gebracht, ob es zwischenBejahung und Verneinung, überhaupt zwischen zwei Gegensätzen ein Neu-trum, ein Mittleres gebe, und in diesem Streite, dessen Hauptpunkte er imBriefe an Drogo darstellt, habe er den Sieg mit seiner Meinung davon-getragen, daß bei Gegensätzen ein Mittleres unmöglich sei. Ohne Zweifelgewinnt man von Anselm den Eindruck eines in den Wissenschaften undin der Literatur gereiften Geistes, der freilich an bedenklicher Ruhmsuchtund Prahlerei litt. Das Ziel dieses Italieners, der wie Gunzo und Stephanvon Novara und wie Liudprand von Cremona als Vermittler des literarischenVerkehrs zwischen seinem Heimatlande und Deutschland gelten kann, 3 )war eine Anstellung in der Kapelle Heinrichs III. Nachdem er sie erlangthatte, hören wir nichts weiter von ihm.

Zeugnisse. Zum Heimatsort Besäte vgl. die Ausgabe von Diimmler p. 31, 3 Neehqc degenerat, quam diva Bisatis honorat und 31, 4 Bisatis diva, und p. 37, 2 Est Bisatenobis ampla quidem domus. Zum Alter vgl. Diimmler p. 10 f., wo ausgeführt wird, daßdie Zeit der Abfassung zwischen 1049 und 1056 liegt; denn es kann nach dem Briefe an

] ) Vgl. p. 56,22 dum redeam a capella ut I verständlich (vgl. Diimmler p. 57,15). Daß

cum a curte regia.

2 ) Den lateinischen Wortlaut mit franzö-sischer Uebersetzung gibt Hauröau, Singu-larites etc. p. 195198; der Lesefehler p. 195nostratn statt vestram im Anfang macht frei-lich dort die persönlichen Beziehungen un-

Paris (Haureau p. 194) nicht der Ort derDisputation war, sondern Mainz, geht aus demWortlaut deutlich hervor, vgl. Dümmlerp. 9 n. 4.

3 ) Wie Dümmler p. 11 richtig bemerkt.