536 Geschiebte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
o
grund, während er sich in den Wissenschaften des Quadriviums nicht ebensehr unterrichtet zeigt. Schon in jungen Jahren wurde er selbst Lehrerund zwar an der gleichen Schule, an der er unterrichtet worden warnämlich an der Lütticher Domschule, und in dieser Stellung ist er bis insein Alter geblieben. Freilich lehrte.er nur das Trivium, Grammatik, Rhe-torik, Dialektik und las mit seinen Schülern die klassischen und die christ-lichen Autoren, aber er war durch und durch Lehrer, wie sein ganz fürden Unterricht geschriebenes Buch deutlich zeigt, und besaß einen humanenund verständigen Sinn, der ihm sein schwieriges Amt wesentlich erleichterte.Bei seiner Sanftmut kam er aber nicht vorwärts, er blieb das, was er war,zumal ihn die neuen Ideen der cluniacensischen Reform nicht anzogen,und in seinem Alter ist er vereinsamt. Daher griff er zur Feder und ver-faßte ein Lehr- und Lesebuch für die Trivialstufe. Er stellte eine Blüten-lese aus der antiken Spruchpoesie, der Gnomik der Bibel und der Kirchen-väter und vor allem aus der heimischen Spruch- und Beispielpoesie zu-sammen. Und diese letztere hat er besonders bevorzugt, daher ist seinWerk eine reiche Fundgrube von Sprüchen der Lebenswahrheit und Menschen-kenntnis geworden, von Sprüchen, wie sie das Leben erzeugt.
Die Fecunda ratis, das vollbeladene Schiff, zerfällt in zwei BücherProra und Puppis, Bug und Spiegel. Das Werk ist in zwei Rezensionenvorhanden, die auch von Sigebert erwähnt werden; die Überlieferung zeigt,daß die kürzere Urform in der ausführlicheren Überarbeitung aufgegangenist. In dieser Dichtung schloß er sich, wie E. Voigt lichtvoll dargelegthat, 1 ) durchaus der beim Unterricht gewöhnlichen Reihenfolge des Stoffesan. Gemäß dem Beginne der Schullektüre mit Catos Distichen stellte erin seiner älteren Prora eine große Reihe einzeiliger Sprüche zusammen,die er aus trivialen und quadrivialen Elementen sowie aus allerhand For-meln des Schullebens entnahm, wozu Gefühlsäußerungen, Gebete, Sentenzenaus dem Gebiete des gewöhnlichen Lebens und Sprichwörter in bildlicherEinkleidung treten; und zwar gestaltete er den ersten Teil bis Vs. 596 ein-zeilig, während er für die zweite Hälfte bis Vs. 1008 den zweizeiligen Spruchwählte. Hieran schloß sich nun die Puppis, die aus 61 Stücken von ver-schiedener Größe besteht und 605 Verse zählt. Hierher rechnen Versi-fikationen einzelner Abschnitte aus Gregors des Großen Evangelienhomilienund den Moralia, aus Augustins Predigten und Psalmenkommentar, sowiebesonders Stücke, die aus biblischer und patristischer Unterlage zusammen-gesetzt sind. Diese erste Redaktion des Werkes erweiterte Egbert späterdurch Hinzufügung eines zweiten Hauptteils zur Prora. Indem er sich anAvians Verwendung zum Primärunterricht anschloß, gab er hier sprucli-artige Betrachtungen aus der Bibel, den Kirchenvätern, den Klassikern(Sallust, Horaz, Lucan, Persius, Juvenal) und aus dem heimischem Sprach-schätze, ferner Stücke von individueller Empfindung gegenüber den Zu-ständen seiner Zeit, zuweilen im Anschluß an Horaz und Juvenal, endlichFabeln und Fabelelemente nach dem Physiologus und nach Romulus, mittel-alterliche Fabeln und lehrhafte Erzählungen und Schwanke, die gleichfalls
') Egberts von Lüttich Fecunda ratis p. XLV111 f.