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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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78 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

verschiedenem Umfang eingeteilt, und da im ganzen neun Verse bei Danielbehandelt werden, so kommt auf jeden etwa ein Buch. Aber innerhalbdieser Bücher fehlt eigentlich jede Disposition, denn ein Gedanke löst denandern ab, ein Bibelwort das andere. Daher ist denn auch die Lektüredes Werkes alles andre eher als genußreich und sie wird nur einigermaßenerträglich durch die große Anzahl rhetorischer Fragen und die häufige An-wendung der Anaphora. Es mangelt also dem Verfasser nicht an rheto-rischer Bildung, aber desto mehr fehlt bei aller Anwendung dialektischerGewandtheit die Sicherheit der Schlüsse. Sein Werk ist ein Muster sub-jektiver Darstellung und vergleicht sich in dieser Beziehung mit den Schrifteneines Rather "oder Atto. Aber auch die Sprache nimmt daran teil. Siestellt ein ganz sonderbares Latein dar, dessen Wortstellung geradezu ver-schroben genannt werden muß und das durch seine seltsame Satzbildungund seine gesuchten und gekünstelten Worte sofort auffällt. Man bewegtsich ja damals in Ungarn auf einem für das Christentum ganz neuen Boden.Wer hier damals lateinisch schrieb, war ein Fremder oder hatte die Ge-lehrtensprache von Fremden erlernen müssen, es gab noch keine Schul-tradition. Da ist es nun von nicht geringem Interesse, daß der Heraus-geber des Werkes p. XI f. auf eine ganze Anzahl Ungarismen in der Spracheaufmerksam macht, woraus hervorgeht, daß schon damals eine eigne Richtungdes Lateins in Ungarn begann; und es wäre eine dankbare Aufgabe, dieseSpuren in der frühesten lateinischen Literatur dieses Landes weiter zu ver-folgen. Gerard war ein Italiener und hatte das Latein in seiner Heimaterlernt; er verstand aber Ungarisch 1 ) und ließ die Sprache seiner zweitenHeimat auf sein Latein wirken. Das setzt aber voraus, daß er sich schonlange in Ungarn befand, als er die Deliberatio verfaßte, und da hier alsEndpunkt das Jahr 1046 zur Verfügung steht, in dem Richard von St. Vannesstarb, so würden wir die Abfassungszeit ziemlich nahe an dies Jahr heran-rücken rnüssen. 2 ) Was nun die merkwürdige Erklärungsweise des Werkesbetrifft, so ist sie natürlich nur zum Teil auf den Verfasser selbst zurück-zuführen. Sie fußt hauptsächlich auf dem Hohenlied und der Apokalypseund auf deren Auslegern, auf den Briefen des Paulus und auf Augustinund verwendet auch spätere Quellen, wie den sehr häufig benutzten Isidor.Eine höchst wunderbare Spekulation trägt das Ende, da hier die Welt undihr Wesen und ihre Bedingungen allegorisch aus dem Wesen der Gottheiterklärt werden.

Bezüglich der von Gerard benutzten Quellen stehen, wie schon gesagt,die Bibel und ihre Ausleger obenan. Weiter wird Isidor sehr häufig vonihm verwendet, worauf schon Endres aufmerksam gemacht hat. Er nenntihn sonderbarerweise nie mit Namen, obwohl er ihm soviel verdankt. Nureinmal scheint er ihn nennen zu wollen, unterdrückt aber den Namen undsetzt nur ein ,aif ein, 3 ) das Wort, mit dem er fast alle seine unzähligen

') Vgl. hierzu die Erzählung in der Vita j viel zu großer Sicherheit vorgetragen.

Gerardi 14 von dem Weibe, das Getreide , 3 ) p. 82 Denique, alt, de natura clisputare

mahlte und sang (S. L. Endlicher, Rerum söhnt etc , wo er ein großes Stück von Et.2,

Hungav. monum. Arpadiana p. 223 f.). 24,2 an aus Isidor fast wörtlich aushebt.

2 ) Was der Herausgeber Batthyany p. X Batthyany will die Stelle irrtümlich mit ,ais'

über die Entstehungszeit schreibt, wird mit verbessern.