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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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76 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

das bedeutende Reformkloster. Und daß er selbst für die Reform ein-genommen war, geht aus seinem erhaltenen Werke deutlich hervor. Dennhier äußert-'er fast auf jeder Seite einen großen Abscheu gegen alles Welt-liche und stellt in seiner gewohnten Mystik die Geistlichkeit als die Sonnehin. Bei ihm, der p. 286 die Physik, Ethik und Logik christlich-mystischumdeutet, zeigt sich mit voller Deutlichkeit, wie schwierig es doch für denaus der Schule des Altertums gebildeten Geistlichen war, seine ganze Schulungzu verleugnen und als Schriftsteller sich lediglich auf christliche Grund-lagen zu stellen. Gerard versucht es zwar und hat es hierin weit genuggebracht. Nur eine einzige Anführung aus einem altrömischen Autor ent-schlüpft ihm, aber dies Terenzzitat kritisiert er mit den Worten unus exvestris ait, d. h. einer von eurer Partei, die es mit den artes liberales hält.Und doch kann er die freien Künste nicht entbehren, denn er folgt auf Schrittund Tritt den Spuren Isidors; freilich galt dessen Gelehrsamkeit durchausals christlich. Und den einst von ihm gelesenen Plato, d. h. doch wohlChalcidius, bekämpft er, 1 ) so oft er kann, benutzt ihn aber augenscheinlichan einer Stelle. So gelten ihm die philosophi und mundani disputatores nichtsgegen die divini und theosophi und p. 156 sagt er, daß Gott den Himmelals Grammatik, die Erde zur Rhetorik und Sonne, Mond und Sterne zurDialektik gegeben habe. Und für die Menschen, die Fische, Widder, Stein-bock, Stier usw. an den Himmel versetzten und den Sternen Götternamengaben und die Sternbilder mit Namen aus der Mythologie benannten, hat erdie Worte: Tales homines bestiis similes admittendi (p. 148f.) Und es machtjedenfalls einen seltsamen Eindruck, wenn er als christlicher Bischof alleMusikinstrumente insgesamt für Werkzeuge des Teufels erklärt (p. 7). Soist bei ihm die Weltverachtung auf einen sehr hohen Grad gestiegen undEndres hat vielleicht daher mit Recht die Vermutung ausgesprochen, daßer der Eremitenkongregation des hl. Romuald angehört habe, 2 ) die dannihren schärfsten Vertreter in Petrus Damiani erhalten hat, der abererst in dem folgenden Zeitraum zu behandeln ist. Und daß GerardsSchriften sich wohl sämtlich auf theologische Stoffe erstreckten, geht auseiner andern Stelle der Deliberatio hervor, wo er p. 133 sagt, daß er einstbeim Nachdenken über Psal. 101. 27 in seiner Erklärung des ersten Kapitelsdes Hebräerbriefes in breitester Weise Stoff aus dem Vorrat des hl. Geistesdarüber zusammengetragen habe. Weiter ist Sicheres aus seinem Lebennicht bekannt, denn sein Biograph überliefert im späteren Teile seinesLebens fast nur anekdotenhafte Züge. Im elften Jahre aber nach StephansTode brachen Aufstände in Ungarn gegen die christlichen Priester aus undhierbei wurde auch Gerard 1047 auf grausame Art getötet. Er wurdezunächst in Pest beigesetzt, doch wurde seine Leiche sieben Jahre späternach Czanäd gebracht. Von seinen Werken hat sich nur die Deliberatioerhalten und auch diese ist erst seit kurzer Zeit näher bekannt geworden, 3 )obwohl sie in einem älteren Druck vorliegt.

l ) Vgl. namentlich Deliberatio (ed. Bat- ! lieh im Vergleich zu Matth. 15,19.

thyan) p. 169 quibus dlctis Plato philosophus | 2 ) Philosophisches Jahrbuch 26,849. 351.

comprobatur stultissime dicens humana cogi- \ 3 ) Und zwar durch G. Morin in der Revue

tata non de corde sed cerebro manare, näm- Benedictine 27,516 flf.