4 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
auch hier Normannen erschienen und ihre Macht bald weithin ausbreiteten.Man sieht, in der ganzen lateinischen Welt sind die politischen Gewaltenim Fluß, es fehlt noch an fester Stetigkeit. Über alle diese Mächte behauptetaber das Kaisertum den Vorrang und konnte es auch geraume Zeit, da esseit Otto I. mit der deutschen Königswürde vereint war und das DeutscheReich politisch den Schwerpunkt des Abendlandes darstellte. Daher ge-wann die enge Verbindung Italiens mit Deutschland an Bedeutung und denHauptvorteil aus ihr zog der Papst, der infolgedessen nicht mehr der Spiel-ball römischer Parteien war, sondern den Schutz des deutschen Königsgenoß. Und auch sonst war der Gedanke an die alte karolingische Reichs-einheit noch nicht ganz erloschen, denn die Bezeichnungen West- und Ost-franken wurden doch noch im 11. Jahrhundert gebraucht; die salische Königs-macht warf freilich alle andern Reiche in den Schatten und damit beginnendie Nationalreiche eine Rolle zu spielen, die Idee der Sonderung wird tat-sächlich durchgeführt.
Ist nun diese Zersplitterung für ein neues Aufblühen der Literaturgünstig gewesen? Gegen Ende der karolingischen Zeit, da die Begünstigungder Wissenschaften durch die königlichen Höfe aufgehört hatte, war dasZwischenreich entschieden der Hauptträger der wissenschaftlichen undliterarischen Bestrebungen gewesen. Es bestand nicht mehr, seine Gebietewaren ungefähr nach dem Verhältnis der Nationalitäten an West- und Ost-franken gefallen und namentlich in den westfränkisch gewordenen wareneinheimische Gewalten emporgekommen, die die Zersplitterung der Landeförderten. Und es fehlte doch jetzt in beiden Frankenreichen an dem früherbeinahe patriarchalischen Verhältnisse des Gesamtherrschers zum Papste.Stets kamen die Ottonen mit Heeren nach Italien und nach Rom und siewie die Salier mußten mit starker Hand die deutsche Herrschaft gegen dieRomanen aufrechterhalten. Nur einmal schien es, als ob Deutschtum undRomanentum gemeinsame Wege gehen würden, aber der Traum Ottos III.,das goldne Rom zum Herrschersitz zu machen, war bald ausgeträumt, derjunge Kaiser verlor Vaterland und Leben im Süden. Allerdings strahltegerade damals das höhere geistige Leben seit langen Zeiten wieder einmalvon Rom wie von einem Brennpunkt aus, war ja der größte Gelehrte derZeit, Gerbert von Reims, Papst geworden und Rom war der geistige Mittel-punkt der Welt, aber nur für kurze Zeit. Und doch ist diese VerbindungDeutschlands mit Italien durchaus nicht zu unterschätzen, denn mit unsernKönigen und Bischöfen wanderten viele kostbare Zeugnisse alter Wissen-schaft und Dichtung über die Alpen nach dem Norden und eine rege Fort-setzung dieser Beziehungen knüpfte sich unter Heinrich IL an, der, selbsthochgebildet, für sein neues Bistum Bamberg die in Italien noch vor-handenen geistigen Schätze vielfach nach Deutschland überführte. Dennimmer noch war Italien ein großer Büchermarkt, man kann allerdings nichtsagen, daß hier die wissenschaftlichen Studien im allgemeinen vorbildlichbetrieben wurden. Jedenfalls herrschte in dieser Beziehung die größte Ver-schiedenheit. Liest man z. B. das barbarische Latein in dem ChroniconBenedicti de S. Andrea oder im Chronicon Salernitanum, so wundert mansich nicht über das Verdammungsurteil eines Rather von Lüttich über die