Schenkendorfs Tod. Preussen nnd Rheinländer. 187
fehlte es an Klarheit über die Wege, die einzuschlagen waren,um das heiss ersehnte Ziel zu erreichen; hierfür förderlichepraktische Massregeln zu ergreifen oder auch nur bestimmtzu bezeichnen war Görres nach seiner Anlage, seiner Bildungund seiuer Thätigkeit am wenigsten befähigt. Wie erwähntfühlte Perthes, als er 1816 ihn in Coblenz aufsuchte, sichauch im persönlichen Verkehr mit dem von ihm geschätztenSchriftsteller von ihm sehr angezogen durch das „Genialedes Geistes, das Rasche der Phantasie", fand aber auch vielUnsicheres in seinen Ansichten. „Nach seinen Schriften undBriefen, schrieb er, hatte ich zwar Geistessprünge, gewagteBehauptungen, zuckende Blitze der Phantasie und des Witzeserwartet, aber nicht das sich selbst oft widersprechende rechteigentlich revolutionäre Räsonniren. Görres weiss gewissnicht, was er will." Eine leidenschaftliche Opposition warihm nacb Perthes' Urtheil durch seine Zeit und sein Landeingepflanzt. Denn in Coblenz und Düsseldorf fand Perthesin dem Volk „etwas so Zerstreutes, über alles leichthin Rai-sonnirendes, was auch in der Religion sich ausspricht", zu-gleich eine solche Hochschätzung der eigenen und solcheGeringschätzung und Unkenntniss aller nicht rheinischenSitten und Verhältnisse, dass es Preussen sehr schwer wer-den müsse, diese Bevölkerung für sich zu gewinnen. Die„wechselseitige gute Meinung, die Preussen und Rheinländervon einander hegten", lernte er bei einem Tischgesprächkennen, bei dem „Meusebach und ein eiserner Kreuzritterdie Preussenpartei gegen den Rhein-Görres bildeten; sienannten alle aus der Revolution hervorgegangenen liberalenIdeen und Institute Napoleonismus und der sei es eigentlich,den die Rheinländer liebten und den sie nicht fahren lassenwollten. „Lithauer seid Ihr, rief ihnen dagegen Görres zu,Lithauer, denen die Leibeigenschaft noch an der Ferse klebt"*).
*) In ähnlicher Weise äusserte sich Görres in seinen schon vonStengel a. a. 0. II, 196 citirten Briefen an die Grimms vom 15. Januarund 7. Juni 1817 über „das lithauische unverständige Volk' : , mit demer gestritten, uud „unsere lithauische Wirtbschaft", über die ihm „speier-lich" werde. Wie verkehrt die Urtheile waren, die er bei seiner „natür-lichen Parteilichkeit für das Eheinland" über die Altpreussen fällte,