97 6
SAVONAROLA IN DER GESCHICHTSLITERATUR
stände Italiens gegründete Befürchtung und zum Teil die Vor-spiegelung einer krankhaft erregten Phantasie war. In seinenletzten Verhören, denen nicht alle Glaubwürdigkeit abzusprechenist, bekannte er sich als falschen Propheten; die große und edleKraft, die in ihm anfänglich wohnte, ging damals unter, als er esvorzog, den Weg der Geduld und des Gehorsams auch gegen un-würdige Vorsteher zu verlassen und lieber den Weg der Gewalt-tätigkeit, der Agitation und der Auflehnung einzuschlagen. WieLamennais in unseren Tagen die Kirche, so wollte Savonarola zuseiner Zeit den Staat auf den Weg der Gewalt mit sich fortziehen,um mit seiner Hilfe in der Kirche durchzuführen, was er zurReform für notwendig hielt. Wenn er sich bei seinen Angriffenauf den Papst solcher Ausdrücke bediente, die sonst allerdingsnur offene Leugner des Primates gebrauchen, wenn er frevelhaftzwischen dem zeitlichen Inhaber des Stuhles Petri und der römi-schen Kirche unterschied, wenn er behauptete, sobald die Kircheetwas Unrechtes gebiete, so sei sie nicht mehr die römische Kirche,der kirchlichen Obergewalt, wenn sie verderbt sei, müsse man injeder Weise widerstehen, so muß man bei Beurteilung solcherÄußerungen die Hitze der Leidenschaft in Betracht ziehen, in derer sprach. — Man würde solchen durch übermäßige Sachkenntniskeineswegs angekränkelten Ausführungen zu viel Ehre antun,wollte man sie im einzelnen widerlegen. Es genügt der Hinweis,daß Aschbach und Kerker eine Literatur anführen, die sie nichteingesehen haben können, denn sonst hätten sie nicht einenSchriftsteller wie J. Revere mit erwähnt, dessen Werk 160 nichtetwa, wie sie ohne Zweifel vermuteten, eine wissenschaftliche Ar-beit, sondern ein Schauspiel ist, das sich überdies nur auf die Zeitvon der Feuerprobe bis zur Hinrichtung erstreckt. Wenn sichdann Kerker gar noch darüber empört, der Frate habe frevelhaftzwischen Papst und Kirche unterschieden und dafür gehalten, so-bald die Kirche etwas Unrechtes gebiete, so sei sie nicht mehr dierömische Kirche, so bricht er nicht über den Frate, sondern ledig-lich über sich selbst den Stab; noch heute soll es in der Kirchefromme und wohlunterrichtete Leute geben, die es im Gegenteilfür einen Frevel ansehen, zwischen Papst und Kirche nicht zuunterscheiden und unrechten Geboten der Oberen nicht zuwiderstehen. Später 181 goß Kerker denn auch reichliches Wasserin seinen trüben Wein, von Lamennais war nun nicht mehr die