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DIE LEBENSBESCHREIBUNGEN
seinen Landsmann Giraldi angefertigt hatte. Immerhin verstrichnoch ein volles Jahrzehnt, bis die Schrift, zu der er das Vorwort1530 zu Mirandola schrieb, in der Öffentlichkeit erschien, waskeineswegs ausschloß, daß sie unter der Hand längst zuvor imvertrauten Kreise der Piagnonen die Runde machte. Der Verfasserbereute es nicht, sie so spät erst dem Tageslichte übergeben zuhaben, da er so Gelegenheit hatte, sich die Masse neuen, haupt-sächlich, wenn auch nicht ausschließlich, Wunder und Weis-sagungen bergenden Stoffes zunutze zu machen, der ihm inzwi-schen zugegangen war. In der Tat ist uns Picos Schrift in zweivoneinander erheblich abweichenden Fassungen überliefert: ineiner kürzeren, nur handschriftlich verbreiteten 82 , und in einerlängeren, die anderthalb Jahrhunderte später von dem fanzösi-schen Dominikaner Jakob Quetif durch den Druck veröffentlichtwurde 83 . Die kürzere, ursprüngliche Bearbeitung umfaßt nur22 Abschnitte und handelt im letzten „über die Wunder undOffenbarungen des Frate nach seinem Tode"; ganz besonders be-achtenswert ist der Umstand, daß sie den Besuch des Frate beimsterbenden Medici noch nicht erwähnt. Die erweiterte Ausgabevon 1530 dagegen ist bereits auf 30 Abschnitte angewachsen undendet mit einer ausführlichen Darlegung der „Gleichförmigkei-ten Savonarolas mit Christus". Leopold Ranke, der berühmte Ge-schichtsforscher, der erste, der die Lebensbeschreibungen Picosund Burlamacchis, wie sie uns im Drucke vorliegen, miteinanderverglich 84 , kam nun zu dem Ergebnis, Burlamacchi (= B) habeaus Pico (= P) geschöpft, eine Entdeckung, die freilich unschwerzu machen war, da sich B selbst wiederholt auf P als seinen Ge-währsmann beruft 85 . Wenn nun Ranke weiter behauptet, dasJahr 1530, näherhin etwa der Monat Juni, sei nicht nur die Zeitder Entstehung von P, sondern auch der „frateschen Legende"über das Prophetentum und die Wunder des Frate überhaupt,denn P und danach B lege dem Frate die Weissagung in denMund, unter einem Papste- Clemens solle Rom und Florenz aufsschwerste gezüchtigt werden, ein offenbares Vaticinium post even-tum, das sich erst im Juni 1530 ausgebildet haben könne, in jenenTagen ungeheurer Aufregung, als Rom tatsächlich erobert undFlorenz den Schrecken einer langen Belagerung ausgesetzt war,so ist diese Schlußfolgerung vollkommen hinfällig. Denn wie derGlaube an die Prophetie Savonarolas im allgemeinen, so reicht