Druckschrift 
2 (1924) Das Streben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

DIE VITA LATINA

926

«ih.

im Gebiete von Mirandola wegen Sodomie verbrannt." Aus L er-fahren wir überdies, ein Prior von S. Roman, der Florentiner Ni-kolaus Michelozzi 68 , sei über das schmachvolle Schreiben, welchesdie Brüder von S. Marco nach dem Sturze des Frate an den Papstrichteten 59 , so entrüstet gewesen, daß er es in Fetzen zerriß, ob-schon er ein noch junger Mann und kein Piagnone war. Wie Lo-renz Violi beruft sich L auf die Geständnisse Doffo Spinis in derWerkstätte Sandro Botticellis, wovon Simon Filipepi berichtethatte. L schließt mit der Erklärung, alles, was in diesem Lebengeschrieben sei, sei vom Verfasser entweder selbst gesehen odervon glaubwürdigen Zeugen vernommen oder aus dem BriefeCinozzis an Jakob von Sizilien ausgezogen, einiges aus der Chronikdes Bruders Sancte von S. Cassian 60 entlehnt, manches aus dembewunderungswürdigen Leben, das Johann Franz Pico in an-mutiger Sprache schrieb, geschöpft, anderes dem gelehrten, beimseligen Frate äußerst beliebten Hieronymus Benivieni entnommenworden. Schon letztere, auf einem offenbaren Irrtume beruhendeBemerkung 61 , von einer Menge anderer Erwägungen abgesehen,beweist, daß L auf keinen Fall die Urschrift sein kann, zu der sichA wie B als bloße Übersetzungen verhielten, wie Villari darzutunsuchte 62 .

Als Burlamacchi das Leben des Propheten beschrieb, war imKreise der Piagnonen bereits eine ähnliche Schrift im Umlaufe,die einen seiner treuesten Anhänger zum Verfasser hatte, denFürsten Johann Franz Pico von Mirandola, Grafen von Concor-dia 63 . Im Jahre 1469 als Sohn Galeotto I 64 und seiner Gattin BiancaMaria von Este geboren, oblag er in seinen Jugendjahren zu Fer-rara den Studien, bei welchen sein großer Oheim und JohannManardi 6 ', einer der geschätztesten Ärzte der damaligen Zeit, seineFührer waren 6 *. Obschon nicht mit den genialen Geistesgaben aus-gestattet, die den Onkel zum Wunder der Mitwelt gestempelt hat-ten, war doch auch der Neffe ungewöhnlich reich veranlagt, und,in den Fußstapfen seines erlauchten Oheims wandelnd, erwarber sich eine Bildung von einer Tiefe und Vielseitigkeit, dieihm unter den ersten Gelehrten seines Landes einen Ehrenplatzsicherte. In Kenntnis der alten Klassiker und der lateinischen undgriechischen Sprache konnte er mit den gefeiertsten Humanistenum die Palme ringen. Unter der Anleitung des Juden Isaak, desSohnes jenes Jochanan, der einst der Lehrer seines Onkels ge-