gi2
DIE ZEITGENÖSSISCHEN QUELLEN
eingeführten Lebensweise mancherlei auszusetzen. Er, der dieTrennung kaum hatte erwarten können, fand sie nunmehr allzubeschwerlich und der Gesundheit nachteilig und vermochte auchan ihren Endsieg nicht mehr glauben, obschon er von der gött-lichen Sendung des Propheten nach wie vor überzeugt blieb.Noch im März 1498 war er bereit, zum Erweise der Unschulddes Frate ins Feuer zu gehen; aber durch das furchtbare Erlebnisvom 19. April niedergeschmettert, sagte er sich im gerichtlichenVerhöre, dem er am 21. April unierzogen wurde, feierlich vonihm los. Gleichwohl auf zehn Jahre aus Florenz verbannt, pilgertenun auch er nach Viterbo, durfte aber ebenfalls schon 1500 heim-kehren. Obschon oder vielmehr ohne Zweifel gerade weil er inseiner ablehnenden Haltung gegen den Frate verharrte, wurde ermit der Fortsetzung der Klosterchronik betraut, einer Aufgabe,der er in den Jahren 1505—1509 oblag. Sein uns handschriftlichüberliefertes Werk spiegelt getreulich die Zwiespältigkeit seinesnoch immer zwischen Bewunderung und Enttäuschung hin undher pendelnden Herzens wider, sofern es sich einerseits in über-schwänglichen Lobsprüchen der außerordentlichen Eigenschaftendes Verstorbenen, anderseits in beweglichen Klagen über den ver-meintlich von ihm geübten Lug und Betrug ergeht. Von denwichtigen Aufschlüssen über seinen ersten florentinischen Auf-enthalt und Lehrerfolg abgesehen, erfahren wir über ihn, seineinnere Wirksamkeit als Vorsteher des Klosters und der ganzenKongregation, über seine Beziehungen zu den kirchlichen undweltlichen Behörden, zu den auswärtigen Mächten und angesehe-nen Persönlichkeiten, über seine literarische Tätigkeit und überseine Reformpläne nur wenig; offenbar war sich Ubaldini derkirchenpolitischen Bedeutung des Frate niemals bewußt. Be-denkt man nun, was ein Mann, der acht Jahre lang an der Seitedes Frate lebte und sein ganzes Vertrauen besaß, hätte berichtenkönnen, wenn er über offene Augen und hellen Sinn verfügte, sowird man das Urteil eines berufenen Kenners nicht zu hart fin-den, Roberts Chronik sei nichts als eine „ungeordnete, an Nach-richten äußerst dürftige Zusammenstellung 62 ". Da er nun über-dies erst etwa zehn Jahre nach dem Tode des Frate schrieb, sosteht er hinter den gleichzeitigen Berichterstattern weit zurück,so wenig der Wert seiner spärlichen selbständigen Beiträge ver-kannt werden darf.