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DIE VERFOLGUNG DES TOTEN
sich die heißen Gebete, die unaufhörlich nicht bloß inder Minerva, dem römischen Hauptkloster der Domini-kaner, sondern auch in verschiedenen Frauenklöstern, undzwar keineswegs nur in solchen des heiligen Dominikus, zumHimmel stiegen. In derselben Absicht wurden 40stündige An-dachten veranstaltet, die von Gläubigen aller Stände aufs zahl-reichste besucht waren. Die ganze Stadt war in Aufregung, sogarin Banken und Kaufläden sprach man von nichts anderem, niemachten die Buchhändler mit den Schriften und Bildnissen desFrate ein besseres Geschäft. Schon feierte man Weihnachten, dieVerhandlungen dauerten bereits seit Juli, der Papst drängte undwar voller Ungeduld, die Entscheidung ließ sich nicht mehr längerhinausschieben. Da man nun ein Verdammungsurteil über dieSchriften des Frate nicht zu fällen wagte, und doch auch denPapst angesichts seiner offenkundigen Abneigung nicht vor denKopf stoßen durfte, so verfiel man dem eigenen Vorschlage Pau-lins gemäß auf den Ausweg, die anstößigsten Predigten, fünfzehn imganzen 140 , sowie das Buch „Von der Wahrheit der Prophetie" insVerzeichnis der verbotenen Schriften aufzunehmen — eine Maß-regel, durch welche dem Andenken des Frate um so weniger Ab-bruch geschah, als zu gleicher Zeit auch die Lesung der HeiligenSchrift in der Volkssprache verboten wurde 141 .
So endete der Sturm, der den Frate unrettbar zu verschlingenschien, zu seinem Ruhme und zur Beschämung der Gegner, diesamt ihrem Gewährsmanne Ambros Catharinus eine schmählicheNiederlage erlitten hatten, und zwar ihr Gift nach wie vor aus-spritzten 112 , aber doch mit dem Vorwurfe der Ketzerei nicht mehrso freigiebig um sich werfen konnten. Warum hätten sich auchAngehörige fremder Orden Zurückhaltung auferlegen sollen, wennder Dominikanergeneral Sixtus Fabri (1583—89) nicht etwa nurdas Aufbewahren von Bildnissen und Überresten des Frate sowieBerichte über sein Leben und seine Wunder, sondern sogar dieNennung seines Namens allen Brüdern und Schwestern streng-stens verbot 143 ! Sixtus Fabri war aber auch der General, der fürden Orden das Ende einer Welt bedeutete. Mit ihm ging die alteRuhmeszeit der Predigerbrüder, die Zeit ihrer Vorrechte, ihrerAuszeichnungen und Freiheiten, unter für immer 144 . Selbst längstentartet und ihren ehrwürdigsten Überlieferungen untreu, ver-mochten sie der Kirche die Dienste nicht mehr zu leisten, die sie