Druckschrift 
2 (1924) Das Streben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

768 STELLUNG ZU HUMANISMUS UND WISSENSCHAFT

großen Schaden zu. Denn die Wissenschaft ist zwar an sichnützlich und gut, kann aber unter Umständen auch schädlichwerden, wie sie es heutzutage im Besitze der Stolzen dieser Weltist, die Lehrer des Gesetzes sein wollen und doch vielfach denGlauben verloren haben. Daher frommt es der christlichen Reli-gion keineswegs, die weltlichen Wissenschaften so ohne weitereszuzulassen. Vielmehr würde ich es als größten Gewinn für das Ge-meinwohl erachten, wenn man an der Einfalt der Heiligen Schriftfesthielte und nur einige wenige begabte Köpfe auswählte, um mitder Theologie auch die weltlichen Wissenschaften zur Wider-legung der ketzerischen Ausflüchte zu studieren, während sich alleübrigen mit der Unterweisung in der Grammatik, Heiligen Schriftund Sittenlehre zu begnügen hätten. Jedenfalls sollten alle schlech-ten Bücher unnachsichtig den Flammen überantwortet werden 18 .So abfällig sich nun auch der Frate über die weltliche Wissen-schaft aussprach, so bewegte er sich mit solcher Mißachtung dochnur im Bereiche einer Richtung, die keineswegs nur von fanatischenMönchen, sondern sogar von hohen kirchlichen Würdenträgern ver-treten wurde. Ganz im selben Sinne äußerte sich auch Hadrianvon Corneto, der Vertrauensmann Alexander VI., von welchemer 1503 zum Kardinal erhoben wurde. Auch für ihn ist allesweltliche Wissen Torheit und nur bei Gott echte Wahrheit zufinden; auch für ihn bedarf es, um zu Gott, der alleinigen Weisheit,zu gelangen, weder der Philosophie noch der Kenntnis platonischeroder aristotelischer Schriften, sondern lediglich des festen Glau-bens an die Heilige Schrift und Kirche 19 . Dachte nun aber derFrate schon von den Wissenschaften überhaupt so gering, so vonder Dichtkunst im besonderen erst recht. Denn als Bestandteilder rationalen Philosophie, die es nicht mit den natürlichen, sitt-lichen oder göttlichen Dingen, sondern lediglich mit den Schlüssen(Syllogismen) und mit dem Sein des Verstandes, der Ratio, zu tunhat, befaßt sich auch die Dichtkunst mit den Schlüssen, und zwarnäherhin mit jener Schlußart 20 , die der Philosoph Beispiel nennt,und die aus der Ähnlichkeit eines Dinges mit einem anderen vonden Eigenschaften des ersteren auf die eines zweiten schließt 21 .Aufgabe des Dichters ist es, zu zeigen, woraus und wodurch sichein Beispiel gewinnen und wie und durch welche innere Beziehun-gen es sich auf die verschiedenen Klassen, Stände und Berufsartenanwenden läßt. Der Dichter verfolgt den Zweck, durch Auswahl