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DER PREDIGER
Händen waren, Blatt für Blatt am Rande wie zwischen den Zeilenmit eigenhändigen Bemerkungen von ihm zu Predigtzwecken be-deckt 180 . Zu dieser entfernteren Vorbereitung trat eine nähere vonFall zu Fall. In den ersten Jahren fertigte er schriftliche Ent-würfe in lateinischer Sprache an, die uns zum großen Teil erhaltensind 1 ". Aber auch in den letzten Jahren seiner Wirksamkeit be-reitete er sich Tag für Tag vor 192 . Häufig stürzte er unmittelbarvor der Predigt in die Zelle P. Silvesters mit den Worten: „Ichweiß nicht, was ich predigen soll, betet für mich, denn ich fürchte,Gott hat mich um einer Sünde willen verlassen", hielt aber her-nach gleichwohl die schönsten Predigten 193 . Solche Vorfälle lehrenaufs deutlichste, daß seine Vorträge nicht das Ergebnis mühsamerStudien, sondern der Ausfluß augenblicklicher Begeisterung waren,die ihn auf der Kanzel ergriff; so erklärt sich auch die Formlosig-keit ihres Aufbaues und der Mangel an Gliederung, auf die anderePrediger so großes Gewicht legten 194 . Mit Geringschätzung spracher von den Predigern, die ihre Predigten auswendig lernten undsich fremder Predigtsammlungen bedienten. „Das beste Predigt-werk", sagte er, „ist ein frommer Wandel 195 ." Eben weil seine Pre-digten der unmittelbare Erguß überwältigender Empfindungenwaren, machten sie so tiefen Eindruck. Die unbewußte und unge-suchte Beredsamkeit der christlichen Liebe übte ihre sieghafteWirkung 196 . Ein Mann des Volkes, der den Pulsschlag des Volkesin seinen leisesten Schlägen verspürte, verkörperte der Frate dieVolksberedsamkeit in ihrer würdigsten Form 197 . Er sprach dieSprache des gemeinen Mannes, ohne jemals gemein zu werden;er hob ihn zu sich empor, statt gleich so vielen Predigern zu ihmherabzusinken. Ohne Zweifel vergriff er sich zuweilen im Aus-drucke; aber diese Fälle waren selten genug, und überdies mußman bedenken, daß jene Zeit natürlicher, unbefangener, derber alsdie unsere war und vieles vertrug, was unserem überbildeten Ge-schmacke zum Anstoße gereicht. „Euer Leben", warf er demVolke einmal vor 198 , „erschöpft sich darin, im Bette zu liegen, zuschwätzen, spazierenzugehen, zu schmausen und der Wollustzu frönen. Euer Leben ist ein Schweineleben." Neuere Schrift-steller 199 beanstandeten diesen Ausdruck, aus dem sich die Zeit-genossen nichts machten. Gabriel Barletta legte seinen Zuhörernunter Berufung auf Aristoteles ausführlich dar 200 , wie sich derMensch durch Hingabe an eine Leidenschaft zum Tiere erniedrige,