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2 (1924) Das Streben
Entstehung
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DER PREDIGER

Händen waren, Blatt für Blatt am Rande wie zwischen den Zeilenmit eigenhändigen Bemerkungen von ihm zu Predigtzwecken be-deckt 180 . Zu dieser entfernteren Vorbereitung trat eine nähere vonFall zu Fall. In den ersten Jahren fertigte er schriftliche Ent-würfe in lateinischer Sprache an, die uns zum großen Teil erhaltensind 1 ". Aber auch in den letzten Jahren seiner Wirksamkeit be-reitete er sich Tag für Tag vor 192 . Häufig stürzte er unmittelbarvor der Predigt in die Zelle P. Silvesters mit den Worten:Ichweiß nicht, was ich predigen soll, betet für mich, denn ich fürchte,Gott hat mich um einer Sünde willen verlassen", hielt aber her-nach gleichwohl die schönsten Predigten 193 . Solche Vorfälle lehrenaufs deutlichste, daß seine Vorträge nicht das Ergebnis mühsamerStudien, sondern der Ausfluß augenblicklicher Begeisterung waren,die ihn auf der Kanzel ergriff; so erklärt sich auch die Formlosig-keit ihres Aufbaues und der Mangel an Gliederung, auf die anderePrediger so großes Gewicht legten 194 . Mit Geringschätzung spracher von den Predigern, die ihre Predigten auswendig lernten undsich fremder Predigtsammlungen bedienten.Das beste Predigt-werk", sagte er,ist ein frommer Wandel 195 ." Eben weil seine Pre-digten der unmittelbare Erguß überwältigender Empfindungenwaren, machten sie so tiefen Eindruck. Die unbewußte und unge-suchte Beredsamkeit der christlichen Liebe übte ihre sieghafteWirkung 196 . Ein Mann des Volkes, der den Pulsschlag des Volkesin seinen leisesten Schlägen verspürte, verkörperte der Frate dieVolksberedsamkeit in ihrer würdigsten Form 197 . Er sprach dieSprache des gemeinen Mannes, ohne jemals gemein zu werden;er hob ihn zu sich empor, statt gleich so vielen Predigern zu ihmherabzusinken. Ohne Zweifel vergriff er sich zuweilen im Aus-drucke; aber diese Fälle waren selten genug, und überdies mußman bedenken, daß jene Zeit natürlicher, unbefangener, derber alsdie unsere war und vieles vertrug, was unserem überbildeten Ge-schmacke zum Anstoße gereicht.Euer Leben", warf er demVolke einmal vor 198 ,erschöpft sich darin, im Bette zu liegen, zuschwätzen, spazierenzugehen, zu schmausen und der Wollustzu frönen. Euer Leben ist ein Schweineleben." Neuere Schrift-steller 199 beanstandeten diesen Ausdruck, aus dem sich die Zeit-genossen nichts machten. Gabriel Barletta legte seinen Zuhörernunter Berufung auf Aristoteles ausführlich dar 200 , wie sich derMensch durch Hingabe an eine Leidenschaft zum Tiere erniedrige,