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2 (1924) Das Streben
Entstehung
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DER PREDIGER

stellte die strengsten Anforderungen an ihn. Er kannte die zauber-hafte Macht des gesprochenen Wortes über die menschlicheSeele 117 . Im Prediger sah er den Propheten, den Stellvertreter Got-tes, eines der göttlichen Wunderdinge, das Sprachrohr Christi, dasauserlesene Werkzeug des Heiligen Geistes, den geistigen Führerder Seelen 118 . Niemals wäre die Kirche, das war seine tiefste Über-zeugung, so trostloser Entartung verfallen, wäre nicht die Predigt,ihr Salz, schal geworden. Wohl fehlt es nicht an Kanzelrednern,aber sie richten nicht nur nichts aus, sondern schaden viel mehrals sie nützen. Sie sind keine wahren Herolde Christi. Sie predigennur Philosophie und Dichtkunst, Plato und Aristoteles, Ciceround Demosthenes, und überlassen die Heilige Schrift dem Staube;sie haben den heiligen Geist und den rechten Weg der Predigt deschristlichen Lebens längst verloren 119 . Damit ist nun aber ihr Ur-teil gesprochen; denn sie können nur entweder Prediger Christioder des Teufels sein 120 . Sie brüsten sich mit ihrer Gelehrsamkeitund Beredsamkeit und bilden sich ein, mit schönen Gleichnissenund Stellen aus Aristoteles, Virgil, Ovid, Dante und Petrarca toteSeelen zum Leben erwecken zu können, was ihnen doch so weniggelingt wie den Flötenbläsern die Auferweckung des Töchterchensdes Jairus 121 . Es kommt ihnen nicht darauf an, fromm zu leben,sondern nur, geistreich zu reden. Das christliche Volk liegt vonWunden bedeckt da, begierig, mit den Brosamen, die vom Tischefallen, d. h. mit den Aussprüchen der Heiligen Schrift, gestärkt zuwerden, doch niemand reichte sie ihm, sondern man speist es mitStellen aus Cicero ab, mit denen man keine Katze vom Ofenlockt 122 . Zwar ist es kein Fehler, wenn ein Prediger gelegentlicheinen klassischen Ausspruch anführt, falls dies aus einem vernünf-tigen Grunde und nicht aus bloßer Ruhmsucht geschieht; für dieKanzelredner aber, welche die Evangelien hintansetzen und dafüritalienische und lateinische Verse vortragen, gibt es keine Ent-schuldigung.Nicht Herolde des göttlichen Wortes," sagte derFrate 123 ,sondern Dichter und Lobredner der Heiden möchte ichsie nennen, wie sie denn auch die Früchte zeitigen, die ihren Wor-ten entsprechen. Ein sauberer seelsorglicher Erfolg wahrlich, dieOhren des Volkes zu kitzeln, das Lob Christi sich anzumaßen, diePhilosophen zu verhimmeln, Stellen aus Dichtern in künstlichemTonfalle aufzusagen, Christi Evangelien beiseitezusetzen oderzu unterbrechen und die hochmütige und törichte Weisheit der