DOGMATISCHE STREITIGKEITEN AUF DER KANZEL 671
Um das Maß voll zu machen, verpflanzten die Theologen ihrescholastischen Streitigkeiten und Spitzfindigkeiten vom Lehrstuhleauf die Kanzel und trugen so religiöse Unsicherheit und Ver-wirrung unter die Gläubigen. Unter den beiden Orden, die demPredigtamte am rührigsten oblagen, bildete die Frage der Emp-fängnis Mariens den Zankapfel, der immer wieder zu erbittertenFehden und ärgerlichen Auftritten Anlaß gab. Während die Do-minikaner am überlieferten, auch vom heiligen Thomas vonAquin verteidigten Glauben an die außer Christus durch keinenMenschen, auch nicht durch die seligste Jungfrau durchbrocheneAllgemeinheit der Erbsünde entschieden festhielten, traten dieFranziskaner mit nicht geringerem Feuereifer für ihre Ordens-lehre von der unbefleckten Empfängnis ein, und mit solcher Wuchtplatzten die Meinungen und nicht selten die Köpfe aufeinander,daß zur Belustigung des einen, zum Ärgernisse des andern Teilesdes Volkes, zuweilen sogar schlagende Gründe und handgreiflicheBeweise den Ausschlag gaben. Wir erinnern uns, daß sich alsunerschrockener Anwalt der befleckten Empfängnis einer derLehrer Savonarolas hervortat, Vinzenz Bandelli, der selbst demFranziskanerpapste Sixtus IV. ins Angesicht widerstand. Als einMinoritenprediger die unbefleckte Empfängnis verteidigte und einDominikaner hiergegen auftrat, versetzte ihm der Begleiter desMinoriten, ein Laienbruder, eine schallende Ohrfeige 60 . In einemOrte der Lombardei hatte ein Franziskaner die unbefleckte Emp-fängnis verteidigt, worauf ein Dominikaner seine Gründe wider-legte. Da packte der Franziskaner seinen Gegner, legte ihn überdas Knie, hob ihm die Kutte auf und verklopfte ihm mit flacherHand sein nacktes Gezelt, denn er trug kein Unterkleid. Die An-wesenden hatten daran ihre helle Freude, eine Betschwester riefdem schlagfertigen Gottesstreiter erregt zu: „O Herr Prediger, ver-setze ihm doch noch weitere vier von mir", und dasselbe begehrtennoch viele andere, so daß der fromme Mann, wenn er allen Wün-schen hätte willfahren sollen, den ganzen Tag nichts anderes zutun gehabt hätte. Der Berichterstatter 61 fügt bei, der Franziskanerhabe wohl auf Eingebung der seligsten Jungfrau gehandelt unddaher die auf die körperliche Mißhandlung eines Geistlichen ge-setzte Kirchenstrafe nicht verwirkt.
So betrüblich derartige Verhältnisse waren, so war an eine Besse-rung doch nicht zu denken, solange die nötige Einsicht in die Wich-