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DIE PROPHETIE GABE UND AUFGABE
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kennung noch ermangle. Da aber Wahres zu Wahrem stimmeund Gleichartiges sich anziehe, so werde jeder gläubige Christ,meinte er 125 , eine gewisse Geneigtheit zum Glauben an seine Pro-phetie hegen, denn er werde sich von ihr ebenso wie von der kirch-lichen Lehre zur Befolgung des göttlichen Willens angesporntfühlen und keiner göttlichen Offenbarung, woher sie' auch komme,grundsätzlich und hartnäckig verschließen. So gab er zwar auf dieFrage, ob man seiner Verkündigung ebenso wie der HeiligenSchrift zu glauben verpflichtet sei, zur Antwort, eine solche Ver-pflichtung bestehe nicht, fügte aber sofort auch bei: „Besseredeinen Wandel, so wirst du glauben!" „Wenn du", erklärte er, „anChristus glauben würdest, so würdest du auch an mich glauben,denn meine Worte sind Christi Worte." Er trug sogar kein Be-denken, zu behaupten, wer ihm nicht glaube, der könne keinwahrer Christ sein, da Unglaube stets ein Zeichen von Unfröm-migkeit sei, und niemand göttlichen Offenbarungen beharrlichwidersprechen könne, es sei denn, er habe das übernatürlicheGlaubenslicht verloren, das den Verstand zur gläubigen Annahmeder Prophetie ebenso geneigt mache, wie die Schwerkraft denKörper, dem Mittelpunkte der Erde zuzustreben.
Zweifellos war sich demnach der Frate des göttlichen Ursprun-ges seiner Prophetie in einer Weise gewiß, die keine Steigerungzuließ; über diesen höchsten Grad subjektiver Gewißheit kommtman bei keinem Propheten, auch bei keinem biblischen, hinaus.Diese Sicherheit war für ihn schon aus dem Grunde unantastbar,weil ihm das Licht übernatürlicher Erkenntnis, wenigstens soweitdie Erneuerung der Kirche auf dem Wege göttlicher Heimsuchungin Frage stand, mit dem natürlichen Lichte der vernünftigen Ein-sicht zusammenfloß. Diese Wahrheit, die Haupttriebfeder seineröffentlichen Wirksamkeit, ließ sich daher auch ohne irgendwel-chen inneren Widerspruch 126 auf der Kanzel in doppelter Weise,als Vernunft- und Offenbarungswahrheit zugleich, behandeln, jenachdem es die Rücksicht auf die Bedürfnisse und Aufnahme-fähigkeit der Zuhörer zu erheischen schien. Vor der gefährlichenKlippe des Eigendünkels und Größenwahns, als sei er über dieGesetze gemeiner Menschlichkeit erhaben, rettete ihn die gesundeEmpfindung, daß die Prophetie nicht bloß eine Gabe, sondernauch eine Aufgabe, nicht bloß eine Auszeichnung, sondern aucheine Verantwortung sei, eine drückende Last, um deren Enthebung