VISIONÄRE VERANLAGUNG
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bezogen sich diese auf das Gebiet, das seit seiner Jugend Gegen-stand seines ununterbrochenen Grübelns war, die Erneuerung derKirche, und erschienen ihm, der in der biblischen Sprache undVorstellungswelt webte und schwebte, in der Form biblischerBilder und Aussprüche. Schon rein äußerlich trugen daher seineGesichte ausgesprochen biblisches Gepräge. Nur als Ganzes warensie ursprünglich, in ihren Bestandteilen und in den ertönendenStimmen setzten sie sich durchweg aus biblischen Mustern undWorten zusammen; so namentlich das berühmte Gesicht von derHand mit dem Schwerte und der Inschrift: Gladius Domini, ebensodie Visionen vom Kreuze, das in den Himmel reichte, oder vondem Kreuze auf blumiger Höhe, von welchem der Lebensstromdurch die Länder rauschte 85 . In der Ausschmückung dieser Ge-sichte machte sich auch der dem Frate eigene, echt scholastischeHang zum Allegorisieren und Symbolisieren unangenehm breit,der erst recht in der an Dante gemahnenden Schilderung seinerGesandtschaft an den Thron der seligsten Jungfrau, wovon er inder Predigt vom 1. April 1495 berichtet 66 , üppig ins Kraut schoß 67 .So sehr jedoch diese Gesichte und Voraussagungen den Stempelseiner persönlichen Eigenart trugen und die Einwirkung seinerbiblischen Lesung und scholastischen Geistesrichtung verrieten,so bargen sie doch immer noch manches Rätsel, das sich klügeln-der Berechnung entzog. Daß Lorenzo und Innozenz VIII. in kurzerFrist sterben würden, mochte er als ehemaliger Mediziner aufGrund des ihm bekannten Krankheitsbildes vorherwissen. DieTrennung von den Lombarden aber ließ sich keineswegs voraus-sehen, denn sie kam von vornherein allen so unwahrscheinlichwie möglich vor. Ebensowenig konnte bei der unaufhörlich schwan-kenden Haltung des französischen Königs, der noch unterwegsnahe daran war, umzukehren und alles im Stiche zu lassen, irgendjemand, auch nicht dieser selbst, voraussagen, daß der italienischeZug stattfinden, und noch viel weniger, daß er einen so glänzendenVerlauf nehmen werde. Weder aus der Schrift noch aus sonstigenAnzeichen konnte er im geringsten entnehmen, daß Karl in Pisaeinziehen und zur selben Zeit in Florenz das Haus Medici stürzenwerde; oder daß sich der junge Monarch glücklich nach Frank-reich durchschlage und den ihm von der ligistischen Übermachtdrohenden schweren Gefahren entrinne, aber auch seinen „Peit-schenhieb" erhalte. Ebensowenig konnte er aus der Bibel das Miß-