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Die religions-psychologische Grundlage der Feuerbestattung
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glauben an den lebenden Leichnam beherrscht sind. Darinliegt ja auch der letzte und tiefste Grund dafür, daß es mitder Feuerbestattung bei verschiedenen Völkern nicht voran-gehen will. Daß dies nicht, wie man gewöhnlich meint,durch ängstliche Rücksichtnahme auf römische Vorschriftenbedingt ist, das lehrt unwiderleglich das Beispiel Frank-reichs, wo die Einäscherung nicht etwa nur seitens derkirchentreuen, sondern auch seitens der weitaus über-wiegenden Menge der lauen und lauesten Katholiken, diesich um römische Anordnungen längst nicht mehr kümmern,Ablehnung erfährt. Man übersieht eben meist, daß derGroßteil der Menschen, selbst der sogenannten Gebildeten,noch immer im Banne der fast unüberwindlichen Zwangs-vorstellung steht, der Tote sei vielleicht doch nicht ganz tot,sondern nur ein friedsamer Schläfer, welchem beileibe keinHarm zugefügt werden dürfe. Daher das so weit verbrei-tete Streben, den Leichnam möglichst lange unversehrt zuerhalten und ihn zu diesem Zweck womöglich in einem aus-gemauerten Grabe oder in einer förmlichen Gruft zu be-statten. So ist es in Unteritalien vielfach Brauch, daß ver-mögliche Leute ihre Toten dem gewöhnlichen Reihengrabe,worin sie der polizeilichen Vorschrift gemäß beigesetztwurden, nach kurzer Zeit wieder entnehmen, um sie ineiner Nische an der Friedhofmauer unterzubringen, vomWunsche beseelt, daß der Verstorbene in allen seinen Teilenals körperlicher Gegenstand ihrer Pietät erhalten bleibenund nicht zu bald der Verwesung anheimfallen möge. Hier,in seiner Nische, wohnt er für seine Angehörigen undFreunde. Hier wird er zu Allerheiligen von ihnen besucht;seine Bekannten kritzeln auf die Marmortafel ihren Namenoder hinterlegen ihre Visitenkarte 23 ). Hier, auf dem Fried-hofe, in ihren Gräbern, in ihren Grüften, schlafen die Hei-ligen, hier sollen sie auferstehen 24 ), das ist der Gedanke,mit welchem der gläubige Katholik an das Grab tritt. Undbetet denn nicht auch die Kirche selbst in jeder heiligenMesse 25 ):Gedenke auch, o Herr, deiner Diener und Diene-rinnen, die uns vorangegangen sind im Zeichen des Glau-bens und schlummern im Schlafe des Friedens." Auch derProtestant findet etwasunendlich Beruhigendes, jaTröstendes und Stärkendes" darin 28 ), am Grabe als dersichtbaren Wohnstätte des Heimgegangenen"liebevolleGedankenzwiesprache mit ihm pflegen zu können". Wosolche Gedankengänge walten, da kann von einer Feuer-bestattung keine Rede sein. Sie sind es und nicht die

23 ) H. Braus, Aren. f. Rel.-Wiss. B. 9 (1906), 387.Si ) Hist-pol. Blätter B. 74 S. 255.

25 ) Missale Romanum, Canon Missae.

26 ) Brause wetter, Westermamis Mon.-H. 1909 (Juli), 568.

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