I.
Verschiedene primitive Bestattungsformen.
Wer von einer religionspsychologischen Grundlage derFeuerbestattung spricht, muß von vornherein darauf ge-faßt sein, nach zweifacher Seite hin auf Widerspruch oderdoch Befremden zu stoßen. Auf der einen Seite wird manihm vorhalten, die Einäscherung beruhe auf rein mensch-lich-bürgerlichen, hauptsächlich hygienischen, ökonomischenund ästhetischen Erwägungen und habe mit irgendwelchenreligiösen, kirchlichen oder konfessionellen Rücksichtenschlechterdings nichts zu schaffen. Auf der anderen Seiteaber behauptet man, die Feuerbestattung sei nicht nur eineirreligiöse, sondern durch und durch antireligiöse, satani-schem Hasse gegen Christentum und Kirche entsprungeneEinrichtung, von geschworenen Gegnern des christlichenGlaubens in der Absicht und zu dem Zwecke eingeführt,das von Gott selbst in der Uroffenbarung angeordnete 1 ),durch die ehrwürdige Überlieferung einer vieltausend-jährigen Vergangenheit geheiligte Erdbegräbnis zu ver-drängen und die Religion selbst planmäßig zu unter-graben 2 ). Wie sollte unter solchen Umständen von einerreligionspsychologischen Grundlage des Leichenbrandes dieRede sein können? So möchte es scheinen, als gähnezwischen Erd- und Feuerbestattung eine weite, unüber-brückbare weltanschauliche Kluft. Und doch lehrt schonein flüchtiger Überblick über die Bestattungsbräuche derMenschheit, daß dieser schroffe Gegensatz niemals undnirgends bestand, sondern erst in neuester Zeit zu be-
*) Gen. 3, 19.
2 ) Alexius B e s i, Die Beerdigung und Verbrennung derLeichen. Aus dem Italienischen übersetzt von E. Holzinger vonWeidich. Regensburg 1889. S. VIII. 15, 52; A. Freybe, Erd-bestattung und Leichenverbrennung. Halle 1908. S. 9. 13, 71.